Medien

Das Wachstum des Indymedia-Netzwerks: Das erste global agierende alternative Mediennetzwerk

Indymedia wird zu Recht von vielen als erstes global agierendes alternative Mediennetzwerk angesehen. Das rasante Wachstum Indymedias wird bereits bei der Betrachtung der Website deutlich. Hier sind 165 Medienkollektive, die offiziell Teil des Netzwerks sind, aufgelistet - in mehr als 70 Ländern und auf allen Kontinenten. Das Wachstum des Netzwerks vollzog sich bisher vor allem in der westlichen Welt und Lateinamerika. Seit 2005 schwächte es sich hier jedoch erheblich ab. In anderen Weltregionen, zum Beispiel in Asien, bilden sich weiterhin neue Medien-Kollektive, jedoch nicht in dem Umfang wie es bisher im Westen zu beobachten war. Nichtsdestotrotz muss dies nicht zwangsläufig als ein abflauender Trend angesehen werden. Einerseits operieren bestehende Indymedia-Kollektive fortlaufend weiter und sind für neue Mitglieder offen. Andererseits sind in einigen Ländern vermehrt auch Indymedia-Kollektive aktiv, die keine eigenen Webpräsenzen betreiben und bereits bestehende Websites und andere Kanäle, zum Beispiel Blogs, für die Medienpublikation nutzen.

Bush singt Lennon-Song „Imagine”

Bereits seit einigen Monaten findet im P2P-Netz ein Cover-Song des bekannten Lennon-Stücks „Imagine“ aus dem Jahr 1971 seine Verbreitung. Der Song wird offensichtlich vom amerikanischen Präsidenten George W. Bush gesungen. Inzwischen kursieren zahlreiche Remixes im Web (ein Download von Mediacracy hier). Doch es stellen sich mehrere Fragen: Erstens, wieso wurde der Song (eine Privataufnahme?) ins Internet gestellt? Und zweitens, wieso singt der Präsident des mächtigsten Landes der Welt gerade diesen Song oder stammt die Aufnahme doch von jemand anderen?

Die Möglichkeiten eines Präsidenten der USA scheinen schier unbegrenzt. Georg W. Bush wird nach seiner Präsidentschaft vielen als Initiator und Visionär einer anderen Welt in Erinnerung bleiben. Doch wird Bush auch der Musikwelt in Erinnerung bleiben? Bisher waren die musikalischen Aktivitäten von Bush nur wenigen bekannt. Doch musikalische Qualitäten von amerikanischen Präsidenten sind nichts Ungewöhnliches. Auch vorherige Präsidenten, wie der ehemalige amerikanische Präsident Clinton waren für ihre Musikalität geschätzt. Insbesondere die Fähigkeiten Clintons als Bläser am Saxophon sind weit bekannt. Dies jedoch bereits vor der Zeit seiner Präsidentschaft.

Nun tauchte zum Erstaunen informierter Kreise ein Cover des Lennon-Songs „Imagine“ vom amerikanischen Präsidenten George W. Bush im Internet auf. Das Lied ist bereits seit einigen Monaten im Umlauf, wurde jedoch von den Medien bisher kaum beachtet. Auch in den oft vorpreschenden englischen Medien, wie dem linksliberalen Guardian oder den sensationsgierigen Sun und Mirror, war nichts hierüber zu lesen. Womöglich wird jedoch die Echtheit des Liedes angezweifelt. In der Tat ist der Ursprung ungeklärt. Weder vom Präsidenten selbst, noch aus dem Umfeld des Weißen Hauses wurden hierzu bisher Erklärungen abgegeben wurden.

Doch in Internetforen wird der Song bereits heiß diskutiert. Google listet unter den Stichwörtern „Bush + Imagine + Song“ bereits 11.700.000 Einträge. Das Lied gilt vielen auch bereits als eine Antwort auf kritischen Song „My Sweet Neocon“ der Rolling Stones über die Neokonservativen in den USA (Die alten Rocker und der große Knall).

[quote] You lie to your people and blame it on your war of course. [...]
You call yourself a Christian, I call you a hypocrite.
You call yourself a Patriot. Well, I think, you are full of shit. [...]
How come you're so wrong?
My sweet neo-con,
where's the money gone,
in the Pentagon. [...]
It's liberty for all, democracy's our style,
unless you are against us, then it's prison without trial. [/quote]

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A. G. Iñárritu & H. Müller: „Fünf Minuten Schwarzfilm“ oder „11’09’’01“ - Die cineastische Verwirklichung einer Provokation?

Was könnte der DDR-Dramatiker Heiner Müller (1929-1995) mit dem mexikanischen Filmregisseur Alejandro Gonzáles Iñárritu (1963) bloß gemeinsam haben? Was hat der vielleicht anspruchsvollste deutsche Theaterautor des XX. Jahrhunderts mit dem erfolgreichen Filmemacher von „Amores Perros“ (1999) und „21 Gramm“ (2003) eigentlich zu tun? Um ehrlich zu sein, gar nichts. Wäre also eine Verbindung zwischen diesen beiden Künstlern überhaupt vorstellbar oder handelt es sich um ein persönliches Hirngespinst? Mit aller Wahrscheinlichkeit hätte ich mich für die zweite Option entschieden, wäre da nicht ein besonderes Kinoerlebnis im Winter 2002 gewesen… Könnte der aus Mexiko-City stammende Regisseur, Heiner Müllers Werk oder sogar seine theoretischen Äußerungen gekannt haben? Die Wahrscheinlichkeit ist eher minimal, obwohl ich bemerken möchte, dass Iñárritu einige Semester Theaterregie bei dem polnischen Regisseur Ludwig Margules studiert hatte. Wie definiert man also die cineastische Verwirklichung einer „provokativen Theorie“ oder einer „theoretischen Intuition“, die auf einer Kinoleinwand 14 Jahre nach ihrem ursprünglichen Ausruf wieder zum Leben erweckt wurde? Fortentwicklung eines Gedankens, oder einfach geniale Koinzidenz?

„Fünf Minuten Schwarzfilm.“

Als die Sonne noch am Zenit der Karriere des Dramatikers Heiner Müller stand, und er an seiner „Lohndrücker“ Inszenierung am Deutschen Theater als Regisseur arbeitete, bewilligte er 1988 ein Interview, dass sich von den unzähligen anderen „Müller-Interviews“ [1]  dieser Zeit, eindeutig unterscheiden sollte. Ich beziehe mich prinzipiell auf den besonderen Inhalt dieses Gespräches, dessen prägnanter Titel „Fünf Minuten Schwarzfilm“ lautete. Aber hierzu später. Müllers damaliger Dialogpartner hieß Rainer Crone. Das aufgezeichnete Gespräch erschien zuerst im Katalog der Städtischen Kunsthalle Düsseldorf (BiNATIONALE) („Deutsche Kunst der späten achtziger Jahre/Amerikanische Kunst der späten achtziger“, DuMont, Köln 1988,  S. 56-67.), und wurde dann 1990 in dem von Renate Ziemer und Gregor Edelmann herausgegebenen zweiten Band der „Gesammelten Irrtümer“ wieder veröffentlicht. („Fünf Minuten Schwarzfilm“. Ein Gespräch mit Rainer Crone. In: Gesammelte Irrtümer 2, Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 1990, S. 137-150.) Meiner Ansicht nach, ist es Rainer Crone als einzigen Gesprächspartner Müllers gelungen, sich ausschließlich auf das Thema zu konzentrieren, dass sich bis dato nicht im Mittelpunkt der damaligen „Müller-Rezeption“ befand. Crones Fragen schildern uns die Umrisse eines verzwickten Verhältnisses ab, dass den Dramatiker vom Blickwinkel der Bildenden Kunst aus mustert. Crone interessierten grundsätzlich Müllers persönliche Wertungen und Einschätzungen hinsichtlich der gegenwärtigen Kunst. Seine Frage, „welche Funktion würden Sie der Kunst in diesem Zusammenhang - einer globalisierten Mediengesellschaft des XX. Jahrhunderts - beimessen“, („Fünf Minuten Schwarzfilm“. Ein Gespräch mit Rainer Crone. In: Gesammelte Irrtümer 2, Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 1990, S. 139.)  veranschaulicht die heutige Problematik einer voyeuristisch orientierten Gesellschaft, die sich der absoluten „Bilder-Vergötterung“, der totalen „Bilderschwemme“, bedingungslos sowie grenzenlos ausgesetzt hat.

[quote] „Wenn es eine Funktion von Kunst in diesem Umfeld gibt, dann ist das so etwas wie täglich fünf Minuten Schwarzfilm im Fernsehprogramm. Ich meine – ganz parteiisch – einfach 'Fünf Minuten Schwarzfilm', das würde so ungeheuer viel ändern an den Sehgewohnheiten.“ (ebd.), lautete die lapidare Antwort des Dramatikers. [/quote] Der offensichtlich sarkastische Beigeschmack dieser Bemerkung, dürfte niemandem entgangen sein. Müllers lakonisch- prägnante Ausdrucksweise, bringt die bemerkenswerte Haltung „eines nicht hinter den Barrikaden verharrenden Künstlers“ bildhaft zum Vorschein.

Andererseits Ziel dieser Pointe ist es, die passiven und apathischen Sehgewohnheiten des „Fernseh-Zuschauers“ direkt in Frage zu stellen, bzw. zu stören, zu unterbrechen. Müller weiter:

[quote] „Die Grundgewohnheit des Fernsehzuschauers ist die, daß pausenlos Bilder da sind. Es gibt keine Pause im Bilderfluß. Also wäre es gut, damit man die Bilder überhaupt wieder sieht, daß sie ab und zu durch Schwarzfilm unterbrochen werden, wo man also nichts mehr sieht. Und die Funktion von heutiger Kunst wäre die, diesen Bilderfluß – aber das sind ja inzwischen alles Klischees – mit einer Störung der Sehgewohnheit zu unterbrechen.“ (ebd.) [/quote]

Das „subversive Element“ liegt dieser Äußerung auffallend zugrunde. Die Aufhebung der verkalkten Sehgewohnheiten der Fernsehzuschauer, kann nur durch eine gezielte Provokation, oder durch einen Verstörungs- und/oder Störungseffekt erzeugt  werden. Folglich kritisiert Müller die gegenwärtige Tendenz „der Medien, die die geltende Sozialpsychologie - bestehend aus tief gefestigten, passiven und unaufmerksamen Sehgewohnheiten -  zu ihren Gunsten einfach ausnützt […].“ (Denis McQuail, Sociologia dei Media, Bologna, Il Mulino 2001, S. 321 (Übersetzung A.E.).

Die Kunst müsste ihre Unabhängigkeit, ihre Autonomie auch künftig bewahren können, egal wie. Müller vertritt die Vision einer tendenziell nicht „integrierbaren“ Kunst, die die Kritik, die Subversion, den Widerstand, weiterhin als wirkungsvolle Waffen versteht. Die primäre Funktion der Kunst sollte demzufolge, nicht in einer „naturalistischen“ Abbildung der Begebenheiten bestehen, was ohnehin durch die alltägliche „Bilderüberschwemmung“ überflüssig geworden ist, sie sollte sich vielmehr an einer anderen, imaginären Wirklichkeit abarbeiten. Wenn Müller also von „Fünf Minuten Schwarzfilm“ redet, liegt der utopische Moment in der totalen Befürwortung einer Kunst, die der Dramatiker als Inbegriff einer unabdingbaren Störung, einer unentbehrlichen Unterbrechung sieht, die die „Maschine“ endgültig zum Stillstand erzwingen soll.

[quote] „Gesucht: die Lücke im Ablauf, das Andre in der Wiederkehr des Gleichen, das Stottern im sprachlosen Text, das Loch in der Ewigkeit, der vielleicht erlösende FEHLER […].“ (Heiner Müller Material, Bildbeschreibung, Frank Hörnigk (Hrg), Reclam, Leipzig 1988, S. 13.)[/quote]

„11’ 09’’ 01”

Als ich mir das umstrittene Film-Projekt 11’09’’01 in einem fast leeren Kinosaal im Winter 2002 ansah, war mir bereits bewusst, dass ich etwas ganz Besonderes erleben sollte. Die Premiere dieses Kollektiv-Films hatte im Rahmen des Filmfestivals in Venedig (29.08-08.09.2002) stattgefunden, und verschaffte Alain Brigands Projekt Beachtung und Aufmerksamkeit in ganz Europa. Die allgemeine Anerkennung verursachte jedoch eine radikale Abneigung, eine systematische Gegenoffensive auf der „politischen Ebene“. Der Film galt seitdem als subversiv, destruktiv, und wurde stets als „anti-amerikanisch“ intendiert, verweigert und letztlich sogar zensiert. Man sollte sich aber eher fragen, warum dieser Film so herzlich von der Öffentlichkeit empfangen wurde. Die Kritik hat ihn jedenfalls als „pazifistisch, medienkritisch, impressionistisch und humanistisch“ bezeichnet und generell positiv rezensiert. (http://www.br-online.de/kultur-szene/film/tv/0309/00860) Warum entstand also diese urplötzliche Erleichterung nach seinem Erscheinen? Verkörperte der Film vielleicht die Gedanken und die Empfindungen einer ausgeschlossenen „schweigenden Mehrheit“?

Der 11. September 2001 verwandelte sich binnen weniger Stunden, in das vielleicht umfangreichste Medien-Ereignis der Weltgeschichte, das kollektive „Schock-Erlebnis“ par excellence. Als sich dann Brigand einige Monate später für das Projekt entschied, bewirkte die bloße Erinnerung an den dramatischen Tag immer noch Panik, Ängste und allgemeine Bestürzung. Das kollektive Trauma wurde einfach nicht bewältigt, ganz im Gegenteil, die Beteiligten trugen alle fleißig dazu bei, die Wunde ununterbrochen bluten zu lassen. Die sonst so aufgeklärte, nüchterne und selbstbewusste westliche Welt widmete sich einer leidenschaftlichen, quasi irrationellen „Massen-Hysterie“. Die zu jener Zeit verantwortlichen Politiker schriien, stotterten, schwiegen aber auch, und wenn sie es überhaupt vermochten, versprachen sie den Betroffenen „uneingeschränkte“ Solidarität. Während die Presse ihre ursprüngliche Bestimmung verlernte, „bombardierten“ die Massenmedien weiterhin ihre Zuschauer mit Furchterregenden Bildern und überflüssigen, nichts sagenden Kommentaren. Primitive Instinkte wie die des biedersten Nationalismus, des Rassismus und der Intoleranz entblößten sich blitzartig auf dem globalisierten „World-Szenario“.

Die Täter, die Terroristen, waren bekannt, aber man ließ sie eine zeitlang gewähren. Die „versprochene Solidarität“ dagegen, fand ihre Konkretisierung ein paar Monate später in Afghanistan - eines der ärmsten und gemarterten Länder der Welt - dessen Befreiung „en passant“ alles zum Besten hätte wenden sollen. Als das Taliban-Regime dann schließlich gestürzt wurde, jubelte die blinzelnde Weltgemeinschaft triumphierend. Die zivile Bevölkerung weniger. Seltsamerweise konnten die in Afghanistan ansässigen Hauptangeklagten des 11. Septembers, spurlos entkommen. „Dunkles Getümmel ziehender Barbaren“: die „Achse des Bösen“ im Anmarsch...

Inmitten dieser folgenschweren Zeitspanne entschloss sich - wie bereits erwähnt - der französische Produzent Alain Brigand für das äußerst riskante und anspruchsvolle Film-Projekt. Das Hauptziel seiner Bestrebungen war es, eine möglichst pluralistische Darstellung des 11. Septembers und seiner fatalen Konsequenzen der Öffentlichkeit zu präsentieren.

[quote] „Um das weltumspannende Echo auf dieses Ereignis auf andere Art als durch diese entsetzlichen Bilder festzuhalten, wurde mir sehr bald klar, dass wir die Pflicht der Reflexion hatten. Diese Reflexion sollte nicht der Gegenwart verhaftet sein, sondern sich ausdrücklich der Zukunft zuwenden. Sie sollte in allen Ländern und Regionen verstanden und mitempfunden werden können. Eine Reflexion, die diese Bilder mit anderen Bildern beantwortete.“ (http://www.movienetfilm.de/11_09_01/presseheft.php) [/quote]

In dem im Internet veröffentlichten Interview wandte sich der Produzent an elf Filmemacher/Innen aus den verschiedensten Teilen der Welt mit der Vorlage: „Ein Film, der 11 Minuten, 9 Sekunden und 1 Bild – 11’09’’01 – dauert und sich um die Ereignisse des 11. September und ihrer Folgen dreht.“ (http://www.movienetfilm.de/11_09_01/presseheft.php). Den befragten Regisseuren wurde absolute Freiheit gewährt; die Vielfalt der behandelten Themen und die Heterogenität der darin vertretenen Ansichten, sprechen eindeutig dafür. Am Projekt arbeiteten der britische Politfilmer Ken Loach, der Amerikaner Sean Penn, Claude Lelouch, Samira Makhmalbaf, Youssef Chahine, Danis Tanovic, Amos Gitaï, Mira Nair, Shohei Imamura und Alejandro Gonzáles Iñárritu, dessen Kurzfilm mir die Inspiration zu diesem Text überhaupt ermöglichen sollte. Die elf Beiträge vermeiden allerdings die allbekannten Schreckensbilder, und versuchen anderweitig über die Anschläge zu reflektieren. Der 11. September bleibt im Hintergrund verborgen, die Tragödie wird verarbeitet, bearbeitet, nur angedeutet, und dient vielmehr der Verknüpfung zu anderen tragischen Ereignissen der jüngsten Weltgeschichte. Der Film entspricht daher einer kollektiven, pluralistischen Analyse, die den Abgrund des Menschen und dessen alltäglichen Kampf zwischen Wahn und Wirklichkeit, darzustellen versucht.

A. G. Iñárritu: „11 Minuten Schwarzfilm und 1 Bild“

Dass die künstlerische Verarbeitung des 11. Septembers als eine Überwindung des tabuisierten Traumata verstanden werden sollte, leuchtete mir schon damals ein und ich befürwortete es auch aufrichtig. Dass ich aber während Alejandro Gonzáles Iñárritus Beitrag ausgerechnet an Heiner Müllers „Fünf Minuten Schwarzfilm-Provokation“ denken musste, verblüffte mich aufs innigste. Ich saß wie gefesselt vor der Leinwand. Vor meinen Augen die cineastische Umsetzung einer provokativen Theorie. Meine Begeisterung stieg Minute nach Minute, elf Minutenlang. Nebenbei gesagt, das irritierte Publikum empfand diesen kurzen Zeitraum als eine Ewigkeit. Die wenigen anwesenden im Kinosaal wollten den bizarren, etwas befremdenden Kurzfilm gar nicht wahrnehmen, bereits nach den ersten verstrichenen Minuten, strebten sich alle sichtlich nach einer unterhaltsamen linearen Erzählstruktur. Iñárritu verweigert diesen Wunsch. Er entschied sich für die „Darstellung“ der Tragödie des 11. Septembers, indem er sie letztendlich gar nicht zeigte. Seine damalige Motivation erläuterte er während einem Gespräch:

[quote] „An jenem Tag, dachte ich, wurde die Fiktion von der Realität getötet. Die Story und die Bilder hat jeder schon tausendmal erzählt und zu sehen bekommen; als jemand, der Fiktionen produziert, trat ich deshalb demütig einen Schritt zurück und versuchte, einen Tribut zu leisten in Form von 11 Minuten visuellen Schweigens, wobei Schwarz für die Farben des Todes und des Leids steht und Weiß für das Heilen.“( http://www.movienetfilm.de/11_09_01/presseheft.php) [/quote]

Der elf Minutenlange Schwarzfilm „überschwemmt“, „überfällt“, „berauscht“ das Publikum mit unbeschreibbar brutalem Rohmaterial. Der pechschwarze Bildschirm wird mehrmals, abrupt, fast blitzhaft für Sekundenbruchteile von einem verzerrten, hellem Bild unterbrochen. Das unscharfe Bild schildert das furchtbare Schicksal eines Menschen, der von einem der brennenden Türme des World Trade Centers ins Leere hinabstürzt.

[quote] „Das einzige Bild, das ich verwendete, war der fallende Mensch, gedacht als metaphorische Darstellung des Ikarus. Es war ja nicht nur dieser einzelne Mensch, der da stürzte, sondern wir alle fielen. Den Einsturz des Turms nahm ich als metaphorische Darstellung des Turms von Babel, in dem jeder eine andere Sprache spricht und niemand sich mit dem anderen verständigen kann, also ein Zusammenbruch der romantischen Vorstellung von globaler Zivilisation.“( http://www.movienetfilm.de/11_09_01/presseheft.php) [/quote]

Das empfundene Entsetzen der Zuschauer wird durch ein grausames „crescendo“ bestehend aus Ton und Musik verschärft.

Im Versuch die kargen Bilder zu dechiffrieren, vernimmt man zugleich furchtbare Schreie, verzweifelte Stimmen, Abschiedsgrüße auf Anrufbeantwortern, Medienberichte, sowie metallische Geräusche, Sirenen, grelle dumpfe Töne des Kronos-Quartett, sowie Gebete der Chamula-Indios.

[quote] „Anstatt den Zuschauern mit Hilfe einer Kurzgeschichte eine Antwort zu liefern, wollte ich die Leute mit ihren eigenen Bildern konfrontieren, mit ihren eigenen Ängsten und Empfindungen angesichts dessen, was passiert ist, und ihnen damit zu einer Katharsis verhelfen. Paradoxerweise gab es dazu überhaupt nur eine einzige Möglichkeit, nämlich ohne Bilder zu arbeiten.“ (http://www.movienetfilm.de/11_09_01/presseheft.php) [/quote]

Dies berichtete der Regisseur seinem damaligen Gesprächspartner. Die Abwesenheit der Bilder ermöglicht eine völlig andere Sicht auf die New Yorker Terroranschläge. Es ist die Darstellung einer bisher fehlenden, mangelnden und genau deswegen notwendigen Perspektive.

Indem der Kurzfilm all die unschuldig Gestorbenen würdigt, wird dem „Sensationalismus“, der visuellen „Bilderüberschwemmung“ der Massenmedien, einen radikalen Strich gemacht. Ziel Iñárritus ist die Katharsis der Zuschauer. Der Anblick der pechschwarzen Leinwand versetzt das Publikum in einen beängstigenden, bedrückenden Zustand, der jedoch auch verärgerte Reaktionen herbeiführen kann. Elf Minutenlang wird der sonstige „Bilderfluß“ unterbrochen, die Gewohnheit gestört. Der Zuschauer wird aufgefordert sich an das Geschehene zu erinnern, die fehlenden Bilder selbst auszumalen, sie zu Ende zu denken. Heiner Müllers unparteiischer „Fünf Minuten Schwarzfilm“ Ausruf hätte, meines Erachtens nach, eine ähnliche Funktion wie die des eben analysierten Kurzfilms. Die Kunst als Inbegriff einer Störungsaktion, eines Verstörungsfaktor, der die bestehenden, verkalkten, passiven Sehgewohnheiten der Fernseh- und Kinozuschauer bekämpfen soll, um das Individuum wieder im Mittelpunkt des eigenen humanistischen Diskurs zurückzuführen. Die mögliche Rückkehr zur Reflexion durch die „Verlangsamung“, die „Unterbrechung“, die „Störung“ des beschleunigten und ununterbrochenen Daseins. Alexander Ernst © Berlin, Februar 2006

 

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[1] Zum Thema der Müller Interviews/Gespräche siehe a.: Sascha Löschner, Geschichte als persönliches Drama. Heiner Müller im Spiegel seiner Interviews und Gespräche, Frankfurt/Main 2002; Alexander Ernst: Interviste e Conversazioni di Heiner Müller. Diplomarbeit, Florenz 2003 (unveröffentlicht).

 

 

Quellen

 

Heiner Müller, Gesammelte Irrtümer 2, Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 1990.

Heiner Müller Material, Frank Hörnigk (Hrg.) Reclam, Leipzig 1988.

Alexander Ernst, Interviste e Conversazioni di Heiner Müller, Florenz 2003 (unveröffentlicht), Diplomarbeit.

Deutsche Kunst der späten achtziger Jahre/Amerikanische Kunst der späten achtziger, DuMont, Köln 1988,  S. 56-67.

BR-Online: 11' 09" 01 - September 11, Kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September haben elf Regisseure und Regisseurinnen in kurzen Geschichten versucht, auf das Grauen zu reagieren. http://www.br-online.de/kultur-szene/film/tv/0309/00860, (Abruf 17.11.2004)

Yahoo Movies: http://de.movies.yahoo.com/fa./385525.html, (Abruf 17.11.2004)

Filmz.de: 11'09''01 - September 11, http://www.filmz.de/film_2002/_11_09_01_september_11/, (Abruf 17.11.2004)

Haus der Kulturen der Welt: Inarritu Alejandro Gonzales, http://hkw.de/deculture_base/InarrituAlejandroGonzales, (Abruf 22.11.2004)

Movienetfilm.de: 11'09''01 - September 11, http://www.movienetfilm.de/11_09_01/presseheft.php, (Abruf 22.11.2004)

 

 

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Bravo Mario! Sehr lustig dein Photo auf der Berlinale!

Mario, Mario! Bravo! Gratulation für diesen riesen Erfolg! Hab die Photos von der Berlinale auf sina.com gesehen! Sehr lustig. Eigentlich bin ich neidisch auf dich, weil ich mich jetzt daran erinnere, wie ich mit Vale auf die Berlinale gegangen bin und einen Film gesehen habe.

Camilleri: Schön und interessant war diese Reise durch Sizilien bis nach Deutschland

Endlich habe ich meine Arbeit über Andrea Camilleri fertig. Meine Wahl der Thematik, Camilleri: „Von Sizilien nach Deutschland“, hat sich durch die Tatsache inspirieren lassen, dass mein Professor mir diesen interessanten, aktuellen und besonderen Stoff vorgeschlagen hat. Der sizilianische Autor ist ein richtiges Phänomen in Deutschland geworden. Er hat mit seinen sizilianischen Geschichten ein Millionenpublikum verführt. Darüber war ich auch erstaunt und überrascht. Andrea Camilleri wurde 1925 auf Sizilien geboren und ist jetzt in Rom lebend. Er bedient die Literaturfreude mit unterhaltsamen Geschichten um seinen Commissario Montalbano. Daneben schreibt er aber auch überaus erfolgreiche und hintersinnige historische Romane über seine Heimatinsel, wie zum Beispiel „König Zosimo“.

Camilleris Bücher zeichnen sich durch eine besondere sprachliche Mischung des Italienischen mit zahlreichen Dialekten wie dem Sizilianischen, Milanesischen, Genuesischen und Napolitanischen und Einsprengseln anderer Sprachen, wie dem Spanischen aus. Die Sprache Camilleris ist hierdurch oft mit lokalen Mundarten so imprägniert, dass sie in manchen Ausdrücken selbst für viele Italiener nur noch durch die Stimmung und aus dem Zusammenhang heraus verständlich wird. Daraus ergibt sich die Frage, wie eine derartige Sprache übersetzt werden kann. Ist dies überhaupt möglich? Dies war das Thema meiner Abschlussarbeit. Dazu habe ich italienische Originale der Romane „Il cane di terracotta“ (Der Hund aus Terracotta – Commissario Montalbano löst seinen zweiten Fall) und „Il re di Girgenti“ (König Zosimo) von Camilleri mit den deutschen Übersetzungen verglichen.

Christiane von Bechtolsheim verfolgt die folgende Strategie bei der Übersetzung des Mafia-Krimis „Der Hund aus Terracotta – Commissario Montalbano löst seinen zweiten Fall“ ins Deutsche. Der Roman spielt in Sizilien und so finden sich viele dialektische Ausdrücke der Region im Originalroman. Sie rufen spezielle Assoziationen beim italienischen Leser hervor. Um nun in der Übersetzung die gleiche Wirkung wie im Italienischen zu erzielen, wurde der Dialekt nicht etwa durch einen Dialekt einer deutschen Region ersetzt. Stattdessen behandelt Bechtolsheim den Dialekt der Originalsprache für die Übersetzung wie eine fremde Sprache im Roman. Sie verfremdet die Sprache der Figuren und verdeutlicht dem Leser somit die Unterschiede zwischen den Charakteren. Dies ergibt durchaus Sinn, denn es wäre für deutsche Leser unverständlich und verwirrend, wenn ein Sizilianer in einem Roman plötzlich den Dialekt einer Region in Deutschland sprechen würde. Wieso sollte ein Sizilianer plötzlich zum Beispiel sächsisch sprechen? Dies wäre absolut unlogisch. Somit ist es klar bewiesen, dass man einen Dialekt nicht mit einem Dialekt übersetzen kann. Ein Dialekt wäre eine vollkommene Verfremdung und Verunstaltung.

Wikipedia.de: Nach Sperrung wird Website in nächsten Stunden wieder weitergeleitet, Frage nach Verhältnismäßigkeit bleibt

Wer gestern früh die deutsche Domain der Website der kollaborativen Online-Enzyklopädie Wikipedia aufrief, wurde von der Nachricht überrascht, dass die Weiterleitung der Domain Wikipedia.de aufgrund einer einstweiligen richterlichen Verfügung in der Nacht gesperrt werden musste. Genaueres war vom Verein mit dem Hinweis auf das laufende Verfahren nicht zu erfahren, doch ergab eine kurze Webrecherche Aufschluss über die Vorgänge.

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22c3: Deliciösr, gfrapptr, vrflickrtr, technoratisiertr, vrfurltr, gfeedstr, vrwikpdiatr, gpläztr, torrentiertr CCC

Der Chaos Communication Congress ist nicht nur eine ‘European Hacker Conference’. Natürlich sind unter den Anwesenden der ein oder andere Angestellte des Bundes (wird vermutet) und ein paar Sicherheitsexperten großer Konzerne. Hier trifft sich zunehmend aber auch eine Nutzerelite - Leute die die ganzen neuen hippen Dienste im Internet nutzen.

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