Können Ethnien gemacht werden? Die Ursachen des Völkermords in Ruanda in der Kolonialpolitik

Der Völkermord in Ruanda gegen die Tutsi und moderate Hutu im Juli 1994 ereignete sich erst vor elf Jahren. Über eine halbe Millionen Menschen kamen innerhalb eines Monats ums Leben und fast 3 Millionen waren auf der Flucht.

In den Medien und laut Berichten der Vereinten Nationen wurde deren Ursache als Stammeskonflikt gedeutet, bei dem sich zwei Ethnien feindlich gegenüberstanden. Doch bei genauem Betrachten der historischen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklung dieses kleinen Landes in der Victoria-See-Region sind die Ursachen auch gerade in der Kolonialpolitik und deren Auswirkungen zu finden. Man nahm zuerst an, dass der Grund des Völkermordes der ethnische Unterschied zwischen den Hutu und Tutsi war. Jedoch ging es bei den mörderischen Auseinandersetzungen nur zum geringen Teil um ethnische Diversitäten. Oberflächlich wurde erst angenommen, dass Blutrache, Magie und archaische Rituale die entscheidenden Grundsteine der Tragödie waren. Doch waren es nicht vielmehr Macht, Herrschaft und Reichtum, die die Menschen zu dem massenhaften Töten geführt haben? Die zuletzt genannten Gründe sind mit Sicherheit nicht ethnisch. Dem Phänomen, welches sich in Ruanda 1994 abgespielte, ist daher klar einer „vorgeschobenen“ Ethnizität entsprungen.

„Ethnie“ und „Rasse“ - Begriffserklärung

Die Ethnie: In der Geschichtswissenschaft beschreibt der Begriff Stämme oder Völker, auch manchmal Gruppen, die einer gemeinsamen Kultur angehören und dieselbe Sprache sprechen. Ethnien werden, wie auch Stämme, aus mehreren Klans gebildet, die meist aus mehreren Lineages bestehen (vgl. Wikipedia). Harding beschreibt das Phänomen Ethnie in seinem Buch „Ruanda – der Weg zum Völkermord“ etwas anders: Als Ethnie bezeichnet er Gemeinschaften, die aus Einzelgruppen zusammengewachsen sind. Menschen einer Ethnie haben im Laufe der Jahre kulturell vieles gemeinsam. So kann man eine Ethnie als eine unter ständigen Veränderungen wachsende Größe sehen (vgl. Harding, 1998: 2). Hardings Erläuterungen sind für die Analyse der Vorgänge in Ruanda sehr sinnvoll.

Zentrieren wir uns nun auf den Begriff “Rasse”. Die Rasse: Eine Rasse bezeichnet eine Population, bei der der Genaustausch mit anderen Populationen verhindert ist. Innerhalb einer Population kann es zur Herausbildung bestimmter Merkmale kommen. Der Begriff kann, in Bezug auf den Menschen, einen ideologischen Charakter erhalten (siehe Rassentheorien von Gobineau im Nationalsozialismus) (vgl. Wikipedia). Unter Anderem wurden während des Nationalsozialismus mithilfe der Bezeichnung “Rasse” Wertigkeitsunterschiede mancher Volks- bzw. Glaubensgruppen vorgenommen. Somit sollte es “starke Rassen mit guten Erbmaterial” geben, wie auch “schwache Rassen mit schlechten Erbanlagen”. Die Gestalt von Menschen wurde “rassisch” erklärt und dabei deren äußere Erscheinung in Abhängigkeit gesehen mit der Intelligenz. Diesen Vorurteilen muss man sich bei dem Gebrauch des Wortes bewusst sein. Die Frage inwieweit es sich bei dem Völkermord in Ruanda um die Auswirkungen einer “vorgeschobenen” Ethnizität gehandelt hat, kann nur befriedigend behandelt werden, wenn man sich den ideologischen Differenzierungsversuchen seitens der Kolonialmächte, welche die eindeutige Einteilung von Rassen erzwungen haben, bewusst wird (siehe Beiträge 5 und 6).

Zur gemeinsamen Geschichte der Hutu und der Tutsi

Für die deutschen Kolonialherren war Ruanda vor dem Jahre 1894 ein „unbeschriebenes Blatt“. Reisen nach und in Ruanda unternahmen die “Entdecker” vor Ende des 19. Jahrhunderts nur vereinzelt. Nach meinem Kenntnisstand wurden diese Aufenthalte nicht schriftlich dokumentiert. Zudem hatte sich eine Schriftsprache in Ruanda bis zum Eintreffen der Kolonialmächte noch nicht behaupten können. Recherchen über die vorkoloniale Entwicklung des Landes sind daher einerseits schwer zu finden, andererseits schwer zu verifizieren.

Jegliche Überlieferungen über die Geschichte der Hutu und der Tutsi wurden mündlich, in Mythen und Gedichten, weitergegeben. Ob diese Mythen ein wahrheitsgetreues Bild der Vergangenheit Ruandas widerspiegeln, bleibt unklar. Sie besagen, dass alle Ruander von demselben Vorfahren, dem König umwami, abstammen. Ihm gehörte neben allen Menschen auch die Natur, die Tiere und das Land, in dem alle Menschen friedlich zusammen lebten. Der umwami hatte drei Söhne: Gahutu, Gatutsi und Gatwa (vgl. Semujanga, 2003: 15). Eines Tages wollte er sie und ihren Verstand testen indem er jedem von ihnen eine gefüllte Milchkanne anvertraute. Gatwa stillte seinen Durst, Gahutu teilte die Milch auf und Gatutsi ließ den Inhalt der Kanne unversehrt. Daraus schloss der König, dass nur seinem Sohn Gatutsi die Herrschaft anvertraut werden kann. Von der Wahrheit überzeugt, erzählten alle drei Volksgruppen, die Twa, die Hutu und die Tutsi, diese Geschichte über ihre Vergangenheit (vgl. Melvern, 2000: Kap. 2: 7) ihren nachfolgenden Generationen.

So geschah es, dass eine kleine Tutsi- Elite rechtmäßig über die übrigen Tutsi, die genauso lebten und behandelt wurden wie die Hutu, und die große Masse der Hutu friedlich regierte. Schriftstücken zu urteilen bereisten die Deutschen im Jahr 1894 als erste europäische Macht Ruanda. Von ihnen war es Graf von Götzen, der nach seiner Reise zum ersten Mal Dokumente über das Land und dessen Bewohner anfertigte. Dabei wurde ihm und anderen „Entdeckern“ seitens der ruandischen Bevölkerung die historische Vergangenheit des Königs „umwani“ nahe gebracht. Doch Götzen, wie auch die später einreisenden Kolonialherren, war von einer anderen Historie Ruandas überzeugt. Man behauptete die Volksgruppen eindeutig in drei Rassen einteilen zu können:

Die Reisenden und späteren Eroberer erkannten zum einen die (Aba-)twa, die zahlenmäßig in der absoluten Minderheit waren (und sind), als eigenständigen Stamm an. Die Twa stellten, nach Auffassung der Kolonialherren, die Ureinwohner Ruandas dar. Mit der Bezeichnung 'Jäger und Sammler' sprachen sie diesem Zwergenstamm einen sehr geringen Entwicklungsstand zu. Als zeitlichgeschichtlich später eingewanderte „Rasse“ zählte man die Bantugruppe, sesshaft gewordene Ackerbauern aus dem Nordwesten Afrikas. Diese stellt(e) zahlenmäßig den Großteil der Bevölkerung dar und die Kolonialherren maßen der Bantugruppe einen höheren Entwicklungsstand gegenüber dem der Twa bei. Als zuletzt eingewanderte Volksgruppe (aus dem Nordosten Afrikas stammend) zählte man die (Aba-)tutsi. Durch die Viehzucht und Intelligenz gelangte diese Gruppe schnell zu großem Reichtum (vgl. Hoering, 1997: 14 f).

Jedoch muss heute im 21. Jahrhundert betont werden, dass Ethnologen und Anthropologen die Einwohner Ruandas als ein einziges Volk, die Abanyarwanda, verstehen. Neben den heutigen Amtssprachen Französisch und Englisch sprechen sie heute, wie auch schon vor der Einwanderung der Europäer, dieselbe Sprache: das Kinyarwanda. Die Hutu und die Tutsi lebten unter denselben sozialen Strukturen und hatten schon immer dieselben religiösen Überzeugungen. Vor der Kolonialzeit wurden in Ruanda vorzugsweise Naturkulte ausgeübt; doch schon im Jahre 2000 zählte man 50% Christen unter ihnen (vgl. Berié, 2003: 681). Sie selbst teilten, wie oben beschrieben, dieselbe Geschichte miteinander und fühlten sich untereinander ethnisch auch nicht verschieden (vgl. Hoering, 1997: 14). Ein ethnischer Unterschied zwischen Hutu und Tutsi, wie er zu Kolonialzeiten angenommen wurde, ist daher schwer nachvollziehbar (vgl. Kap. 5).

„No matter how different they looked, Hutu and Tutsi were part of a single economic and cultural community. Ergo, they were the same.“ (Mamdani, 2001: 42). Hutu und Tutsi lebten zusammen und waren mehr als nur Nachbarn: sie heirateten untereinander, bekamen zusammen Kinder und teilten Arbeit und Freizeit miteinander. Befragt man einen Ruander nach seiner Volkszugehörigkeit, wird er entweder „Hutu“ oder „Tutsi“ antworten, nie eine Mischung aus beidem, wie bspw. „Hutsi“ oder „Tutu“. Das ist seltsam, weil man über die Jahrzehnte hinweg schon gar nicht von zwei „reinen“, voneinander getrennten „Ethnien“ sprechen kann. Zum Beispiel nimmt die Frau bei einer Hochzeit die „Identität“ des Mannes an und deren Kinder erhalten auch die ethnische Zuordnung des Vaters (vgl. Mamdani, 2001: 53 f).

Vorkolonialzeit – Königtum Ruanda

Reisende aus Europa fanden in Ruanda Ende des 19. Jahrhunderts mehrere Königtümer vor. Bevor aber das Land von Königen regiert wurde, teilte man es in viele patrilineare Gesellschaftsformen (der Vater als Oberhaupt der Familie) auf. Berichte über historische Königs- sowie Linearenstrukturen vor der Kolonialzeit sind nur vereinzelt bekannt und, soweit meiner Recherchen, nicht schriftlich, sondern vielmehr in Mythen festgehalten worden. Jeder Ruander gehörte einer Abstammungsgruppe (Lineage) an, die jeweils der Älteste vertrat. In dieser Gesellschaft wurden Güter, Besitz- und Reichtümer über den Vater einer Familie vererbt. Neben den „Lineages“ entstanden, für eine bessere Kontrolle des Landes, auch Chefferien, die mehrere Lineages unter sich vereinten. Im 16. Jahrhundert war Ruanda in insgesamt 50 Chefferien, später kleine Königtümer, eingeteilt. Noch im gleichen Jahrhundert wurde ein einziger König Besitzer des ganzen Landes; er hatte die Verfügungsgewalt über alle Ressourcen und alle kleineren Königtümer. Durch militärische Unterstützung gewann die Königsfamilie immer mehr an Einfluss und Macht. Hier ist gesondert der König Rwabugiri zu nennen, dessen Herrschaft im 19. Jahrhundert eine Zentralisierung Ruandas zur Folge hatte. Er beschnitt die Lineages und die kleineren Königtümer um ihre Rechte und setzte bald so genannte Distriktchefs ein, so dass seine Macht unterstützt und gesichert wurde, und zum anderen die Machthaber der Lineages zu entkräften. Immer mehr Residenzen des Königs Rwabugiri schränkten nicht nur die Ältesten der Lineages in ihrer Entscheidungsgewalt ein, sondern zerstörten auch viele Traditionen (vgl. Harding, 1998: 14 ff). Die Kolonialherren verschärften diese Entwicklungen; dazu später mehr.

Die Hamitenthese und deren Auswirkungen

Als Ende des 19 Jahrhunderts die ersten Europäer das Land betraten, setzen sie ethnische Unterschiede der Ruander voraus. Die Entdecker sahen physische Unterschiede der ruandischen Bevölkerung als rassisches Phänomen an und begründeten ihre Vermutungen mit Auslegungen der Bibel. Aus ihr wurde die wissenschaftlich nicht erwiesene Hamitenthese für rassistische Äußerungen herangezogen.

Die Hamitenthese beinhaltet Folgendes: Noah war eines Tages vom Wein seines Ackers betrunken. So legte er sich in seine Hütte und schlief unbekleidet ein. Sein Sohn Ham sah ihn und berichtete seinen Brüdern, Sem und Japheth, von der Nacktheit des Vaters. Nachdem Noah aufgewacht war und erfahren hatte, das sein Sohn ihn verspottet hatte, verstieß er diesen (vgl. Bibel, AT, 1907: 9). Christliche und jüdische Theologen lehrten, dass Ham, nachdem er von Noah verstoßen wurde, von Gott bestraft wurde und eine schwarze Hautfarbe erhielt. Demnach ist die schwarze Farbe in diesem Mythos zweifelsohne negativ konnotiert. Rassistische Assoziationen dieser Art sind heute soweit stigmatisiert, dass man sie nicht mehr unreflektiert treffen darf. Die Hamitenthese wurde während den Anfängen der Kolonialzeit (ab dem 20. Jahrhundert) so oft rezitiert und erzählt, bis sie für wahr erklärt und in Geschichtsbücher übertragen wurde. Es wurden zwei Rassen unter den Afrikanern unterschieden: die unzivilisierten Ureinwohner Afrikas und die eingewanderten, eigentlich „weißen“ Hamiten. Eingewanderte Europäer bezeichneten sich grundsätzlich als intellektuell überlegen gegenüber beiden Afrikanerrassen. Sogar den Sklavenhandel versuchten die Kolonialherren durch einen angeblich wissenschaftlich erwiesenen genetischen Defekt zu rechtfertigen (vgl. Semujanga, 2003: 112). So unterschieden die Europäer mithilfe der Hamitenthese die Afrikaner geistig und körperlich untereinander. Die „Entdecker“ des späten 19. Jahrhunderts behaupteten, dass jegliche Zivilisationsprozesse von außen durch die Hamiten nach Afrika getragen wurden. Nur so konnte man sich bspw. das hochkultivierte Ägypten erklärten, welches ausschließlich von eingewanderten Hamiten aufgebaut worden sei. Afrikanische Ureinwohner hingegen seien unzivilisiert und könnten weder konstruktiv denken noch fortschrittlich handeln.

So sahen sich die „Entdecker“ vor einer gewaltigen Kluft zwischen der „schwarzen Urbevölkerung“ und den Errungenschaften der eingewanderten, ursprünglich weißen Hamiten. Die Europäer wollten von nun an die westliche Zivilisation in ganz Afrika verbreiten; Ruanda war davon nicht ausgeschlossen. Manche Europäer gingen sogar davon aus, die Hamiten seien ursprünglich mit den Germanen verwandt gewesen (vgl. Harding, 1998: 21 f). Im Falle Ruanda dauerte es nicht mehr lange und schon bald wurde die Bezeichnung „Hamiten“ mit dem Begriff „Tutsi“ gleichgesetzt, was in der Kolonialzeit letztendlich zur Einteilung in Ethnien führte.

 

 

Quellen

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Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.) (1999): Afrika 1 Zeitschrift 264. Bonn: Schwann Bagel GmbH & Co KG.


Diamond, Jared (2005): Collapse. London: penguin group.


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Gleichmann, Peter; Kühne, Thomas (Hrsg.) (2004): Massenhaftes Töten. Kriege und Genozide im 20. Jahrhundert. Essen: Klartext Verlag.


Harding, Leonhard (1998): Ruanda – der Weg zum Völkermord. Vorgeschichte – Verlauf –Deutung. Hamburg: Lit. Verlag.


Hoering, Uwe (1997): Zum Beispiel Hutu & Tutsi. Der Völkermord hätte verhindert werden können, befand ein UN-Bericht. Göttingen: Süd-Nord-Lamuv.


Kimenyi, Alexandre (1978): A Relational Grammar of Kinyarwanda. Volume 91. London: University of California Press.


Kimenyi, Alexandre (2002): A Tonal Grammar of Konyarwanda – an Autosegmental and Metrical Analysis. Volume 9.
New York: The Edwin Mellen Press.


Mamdani, Mahmood (2001): When Victims Become Killers. Colonialism, Nativism, and the Genocide in
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Melvern, Linda (2000): A People Betrayed. The Role of the West in
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Semujanga, Josias (2003): The Origins of Rwandan Genocide. New York: Humanity Books.


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Wikipedia,
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