Religion

Albert Camus’ Verweigerung des Gottesglaubens

Ein Faktor, der für das gesamte Werk von Albert Camus eine gravierende Bedeutung hatte, war die Tatsache, dass der Schriftsteller nicht an Gott glaubte. Er war ein „incroyant décidé“, wie ihn sein Literaturlehrer an der Universität, Jean Grenier, nannte (Jean Grenier, `Préface´ à Albert Camus, «Théâtre, Récits, Nouvelles», Paris, 1962). Besonders aber lehnte Camus den christlichen Glauben ab, der für ihn viele Widersprüche enthält.

Es gab mehrere Gründe dafür, warum der junge Autor sich so vehement gegen die christliche Religion aussprach. Bereits in seiner frühen Jugend hat sich Camus vom Glauben entfernt, wenn dieser überhaupt irgendwann für ihn eine größere Rolle spielte. Camus kam aus einer armen Arbeiterfamilie, die in Alger lebte. Nach dem Tode des Vaters, der infolge der Verletzungen während der Schlacht an der Marne 1914 gestorben war, zog seine Mutter mit zwei kleinen Kindern zu ihrer Mutter in den armen Stadtviertel Belcourt. Um ihre Familie ernähren zu können, arbeitete sie als Putzfrau bei den wohlhabenderen Bewohnern Algers. Madame Camus und ihre zwei Söhne teilten die bescheidene Wohnung mit der strengen und despotischen Großmutter, die zu Hause herrschte, und mit ihrem ältesten Sohn. Keiner von diesen Familienmitglieder konnte lesen noch schreiben. Camus hat dies später, 1958, als wichtiges Merkmal seiner Kindheit betont hat:

[quote]„Personne autour de moi ne savait lire: mesurez bien cela“ [/quote]

Für dieses spezifische Milieu war die Kirche nicht nur wenig anwesend, sie erschien sogar als etwas Fremdes und Feindliches. Die Religiosität war sehr oberflächlich und begrenzte sich auf die Taufen und das letzten Sakrament. Der Katholizismus war in Alger vor allem eine Religion der Frauen, und sehr häufig auf der Devotion basiert. Die Unaufgeklärten, des Schreibens unkundigen Alten suchten einfach nach einer menschlichen Präsenz, die sie aus ihrer Langeweile und Einsamkeit herrauszog.

Die Religion, wie sie unterrichtet wurde, war eine strenge und beschuldigende Religion, denn sie legte einen großen Wert auf die Sünde, besonders auf die Sünde der Unkeuschheit. Junge Leute, die mit ihrer Lebensfreude das Leben genießen wollten, wurden von dieser Lehre entweder traumatisiert oder sie stellten sie in Frage.

Unter den armen Bewohnern Algers herrschte auch ein starker Antiklerikalismus. Der junge Camus spürte eine besondere Abneigung gegen die Geistlichen, da er während des Katechismusunterrichts, der ihn auf die erste Kommunion vorbereiten sollte, eine starke, unverdiente Ohrfeige vom Priester bekommen hatte. Diesen unbegründeten Angriff von Seiten des Kirchenrepräsentanten hat er nie vergessen. Auch anderes Geschehen hat Camus’ Verhältnis zu den Geistlichen beeinflusst, vielleicht noch mehr als die ungerechte Ohrfeige. Der beginnende Autor war Zeuge, als ein junger Priester mit voller Überzeugung sprach „wenn wir im Paradies sein werden...“. Diese Sicherheit, mit der der Geistliche diesen Satz aussprach, hat den heißblutigen Camus empört und in Verlegenheit gebracht. In seinem Tagebuch kommentiert er:

[quote]«Il y donc des hommes qui vivent avec une pareille certitude quand d’autres la recherchent à grands frais? (…) Sa sérénité m’avait fait mal. En d’autres circomstances elle m’aurait éloigné de Dieu. Elle m’avait alors profondément troublé.» (Albert Camus, «Carnets mai 1935-février 1942», Paris 1962, S.233) [/quote]

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Die Geschichte der „Khudai Khidmatgar“ in Afghanistan: Hoffnung gegen den Fundamentalismus?

1988: Mit unverminderter Brutalität wird der Golfkrieg zwischen dem Irak und Iran fortgesetzt. Die Präsenz der US-Flotte im persischen Golf garantiert den See- und Handelskrieg in Permanenz. Reagan verteidigt schließlich die Interessen des christlichen Abendlandes gegen die wild gewordenen islamischen „Barbaren“. Ein moderner Kreuzzug also. Und angesichts des unberechenbaren Fanatismus der Mulla regt sich hierzulande gegen die US-Kriegsschiffe im Golf und die der Bundesmarine im Mittelmeer kaum nennenswerter Protest. Vergessen wird bei diesem Kreuzzug nur allzu leicht, dass das christliche Abendland im Mittelalter, und zuweilen noch heute, eine Brutalität entwickelte die der des Schiismus im Iran in nichts nachsteht. Vergessen wird auch, dass der Schiismus nicht der ganze Islam ist und nicht alle SchiitInnen fundamentalistisch sind und unberücksichtigt bleibt drittens, dass die dem iranisch aufgezwungene westliche Zivilisation unter dem Schah erst den Widerstand aus der fundamentalistisch-islamischen Tradition schürte. Wäre eine Entwicklung des islamischen Widerstands möglich gewesen, zumal die Armee des Schahs in geradezu grandioser Weise durch Massendemonstrationen und Dienstverweigerungen gewaltfrei zersetzt wurde, bevor Khomeini kam? Diese Frage wird heute gar nicht erst gestellt, weil eine gewaltfrei-revolutionäre Bewegung im Islam schlicht unvorstellbar erscheint. Eine ebensolche hat es aber gegeben, und sie zählte zu den erfolgreichsten und radikalsten in der noch weitgehend unbekannten Geschichte weltweiter gewaltfreier Bewegungen: es ist die Bewegung der „Khudai Khidmatgar“ (übersetzt: Diener Gottes), die wegen ihrer roten Hemden als „Rothemden“, GandhianerInnen, bekannt wurden.

Wasserlos waschen auf welkem Gras - zur Habermas-Ratzinger-Debatte

„Die Demokratie setzt die Vernunft im Volk voraus, die sie erst hervorbringen muss!“ Karl Jaspers

„Im Notwendigen Einheit, im Zweifel Freiheit, in allem die Liebe“ GAUDIUM ET SPES

Zu Beginn des Jahres 2004 trafen der Hausphilosoph der Bundesrepublik Deutschland, Jürgen Habermas, und der spätere Papst Benedikt XVI, damals noch Kardinal Ratzinger, zusammen für eine Disputation über die „Vorpolitischen moralischen Grundlagen eines freiheitlichen Staates“. Obwohl die unterschiedlichen politischen, philosophischen und nicht zuletzt biographischen Hintergründe der Disputanden durchaus Anlass geboten hätten, blieb eine Fortsetzung der hergebrachten Grabenkriege zwischen konservativem Katholizismus und säkularer, linker Gesellschaftstheorie aus. Beobachter und Kommentatoren der Debatte stellten vor allem Überschneidungen und Verbindlichkeiten zwischen den beiden Vorträgen heraus und beschworen das neue Klima der Annäherung und gegenseitigen Befruchtung zwischen den Vertretern von Glaube und Ratio. Im folgenden Beitrag soll die Debatte einer kritischen Untersuchung unterzogen werden. Zum einen soll beleuchtet werden, wie weit die propagierte Einmütigkeit tatsächlich trägt, bzw. welche Grenzen der Annäherung schon aus den Vorträgen selbst erlesbar ist. Dort wo sich tatsächlich ein kleinster gemeinsamer Nenner ausmachen lässt, soll dieser zunächst von beiden Innenperspektiven her und dann mit Blick auf eine ideale demokratische polis auf seine Tauglichkeit untersucht werden. Den Abschluss bildet ein Verweiß auf eine echte gegenseitige Befruchtung mit dem urchristlichen Gesellschaftsmodell als Blaupause.

Ich sollte über Ostern in Griechenland schreiben

Hoi Hoi! Wie geht’s Euch? Wahrscheinlich geht’s gut und mir geht’s. Deswegen bin ich wieder zurück auf dieser Seite und um dieses mal über Ostern zu schreiben. Ich hätte vorher eigentlich schon über den ersten April schreiben müssen, aber ich habe das vergessen.

Katholizismus in Brasilien: Die Lebendigkeit des religiösen Gefühls, Ursachen und Auswirkungen in Gesellschaft und Familie

In der Beschreibung des brasilianischen Charakters bemerkt man häufig, dass dieser von Sensibilität, Irrationalität und Religiosität geprägt ist. Die Kräfte dieses Gefühls, die stets auf die Meinungen und Verhalten des Brasilianers wirken, zerstreuen seine Interessen an sinnlichen und objektiven Bestimmungen. Um diese Aussage zu verstehen, ist es notwendig die Wurzeln Brasiliens zu kennen. Sie entstammen dem portugiesischen Teil der iberischen Halbinsel. Portugal spielte im 15. und 16. Jahrhundert bei der Etablierung neuer Handelswege und der Eroberung und Entdeckung der Länder dieser Regiong eine sehr große Rolle. Die Portugiesen gründeten Kolonien in Afrika, Amerika und Asien und sie gründeten Brasilien. Die Lebendigkeit des religiösen Gefühls in Brasilien erklärt sich daraus, dass die „Entdecker“ nicht nur im Namen der portugiesischen Krone, sondern auch in dem von der katholischen Kirche geführten Gegenreform handelten. Dieses Gefühl entwickelte sich auf unterschiedliche Weise, teils mystischer und fanatischer Art, besonders in den ärmsten Bundesländern und auf dem Land, teils dogmatischer, dessen Fall in den Großen- und Hauptstädte vorkam. Der Unterschied bestand auch in der Art, wie man die Religion behandelte, das heißt mal formal, mal zeremoniell, mal rituell.



[quote] „Die Menge folgte dem Baldachin und schloss sich dem Gebet der Priester an. In vollem Ornat, mit reuiger Miene und gefalteten Händen, ließ Pater Basílio seine tönende Stimme zum Gebet erschallen. Der fromme Mann war zu dieser wichtigen Verrichtung wegen seiner hervorragenden Tugenden ausersehen worden, die ihm Anerkennung und die Achtung aller eintrugen; im übrigen war er als Eigentümer von Ländereien und Pflanzungen selbst daran interessiert, dass der Himmel eingriff. Deshalb betete er mit verdoppeltem Nachdruck“. „Gabriela“ von Jorge Amado. [/quote]

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