Wikipedia, Hummus und das Wissen der Welt (Folge 6)

Flo Fleissig liebt Hummus. Der ein oder andere hat das vielleicht schon mitbekommen. Doch wie macht man Humus eigentlich? Hm. … Aber Internet gibt es ja Informationen über alles. Doch wo fängt man da an zu suchen? Flo zeigt uns heute, wo er seine Informationen findet. Er schaut mit nach, was Hummus auf Deutsch heißt und erklärt nebenbei gleich noch ein paar Sachen über Wikipedia, die größte Wissensdatenbank der Welt..


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Vorhergehende Folge: Flo Fleissig besucht die Freifunk-Community (Folge 5)

Nachfolgende Folge: Wie macht man Humus? (Folge 7)

Berlin eine großzügige Stadt

Das Leben ist so. Wie? So? So wie die Gegebenheiten sind. Wieder nach Berlin bin ich gekommnen. Nein! Warum? Warum bist du wieder gekommen? Was soll das, habe ich mich gefragt. Muss das etwas "sollen"? Nein. Deswegen. Es muss nicht etwas sollen, aber es darf etwas sein. Na ja. Ich sollte schon seit Langem über die Berliner Stimmung schreiben. Es wurde so von mir erwartet. Allerdings habe ich das nicht gemacht und nun sind wir hier und wir denken daran. Woran? Worüber? Berlin bleibt Berlin. Diese Stadt hat nur zu geben – Dir zu geben. Eine großzügige Stadt. Berlin gibt immer den Leuten, die etwas nehmen wollen. Doch du musst eines immer wissen, Berlin ist nicht endlos. Du musst diese Stadt ausnutzen und danach weg gehen. Dann, kommen andere Leute und sie haben auch die Möglichkeit diese Sachen zu erleben und zu lernen. Sie erfahren das, was du in dieser Stadt erfahren hast. Du darfst nicht arrogant sein jetzt, wenn du diese Leute siehst, denn du warst so wie sie. Jetzt musst du dankbar sein, dann kannst du die Wahrheit wirklich sehen. Sonst gibt es ein großes Problem. Das Problem die Leute nicht zu erkennen, mit denen du ausgehst, aber mit denen du niemals richtigen Spaß hast. Also, so sind die Gegebenheiten zur Zeit. Ein Forum. Ein nichts. Wo die Leute miteinander sprechen können und in Kontakt bleiben können. Aber am Ende des Tages was soll das? Was ist das? Ich habe das noch nicht verstanden, obwohl ich dran bin. Ein SMS. Hm. Valeria baut eine Bühne auf. … und ich spiele das Klavier? Was soll das? Ciao.

Strategien der Informationsverarbeitung und das veränderte Kommunikationsverhalten bei der Nutzung moderner Medienkanäle

Mit der zunehmenden Nutzung moderner Medien offenbaren sich auch vermehrt Schattenseiten der Kommunikation per Email, Messengerdiensten, Blogs und SMS. Die Menge von Emailnachrichten führt zu Kommunikationsoverload, eine missverständliche Zeile beim Chatten belastet eine Beziehung und Probleme Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, führen zu einem Gefühl der Überforderung. Welche Strategien der Nutzer bei der Informationsverarbeitung ermöglichen es mediale Einschränkungen in den modernen Medien aktiv zu kompensieren? Das Verständnis von Kommunikationsprozessen, den Effekten und Folgen bildet den ersten Schritt für die Lösung von Kommunikationsproblemen, die bei der Nutzung moderner Medienkanäle auftreten. Doch wie sehen diese Kommunikationsprozesse tatsächlich aus? Wie beeinflusst die Interaktion in diesen Medien den Austausch? Welche Erkenntnisse liegen darüber vor? Um mich Antworten auf diese Fragen anzunähern, befasse ich mich in diesem Beitrag zunächst allgemein mit Kommunikationsprozessen, Sprache und dem Kanal einer Interaktion. Demfolgend betrachte ich die Kommunikationsbedingungen und insbesondere die kanalreduzierte Kommunikation im Speziellen. Die veränderten Umstände bei der Interaktion in den modernen Medienkanälen bedingen ein verändertes Kommunikationsverhalten. Das „Überfliegen“ von Texten und die Möglichkeit der Rückschau als ein Beispiel der veränderten Rolle des Geschriebenen als formal fixiertes Schriftstück verdeutlichen das sich wandelnde Kommunikationsverhalten. Dies ist ebenfalls im Zusammenhang mit einem veränderten Backchannel-Feedback zum Beispiel von Emails und SMS-Nachrichten zu beobachten. Nachrichten können nun auch lange im Nachhinein noch abgerufen werden. Die Vermündlichung der Schriftkommunikation mit zahlreichen Soundwörtern und Emoticons ist ein weiteres Beispiel für die Strategien der Nutzer bei der Informationsverarbeitung. Hierbei erscheint jedoch ein gemeinsames Verständnis der Kommunikationspartner zum einen über die Bedeutung der Zeichen und zum anderen über die Nutzung eines Mediums für eine dauerhaft erfolgreiche Interaktion unerlässlich.

Das Verständnis von Kommunikationsprozessen, Sprache und Kanal – Grundlage für die Lösung von Kommunikationsproblemen

Kommunikationsprozesse beruhen auf Zeichensystemen. Der Begriff der Sprache als Zeichensystem wurde maßgeblich von Ferdinand de Saussure geprägt. Sprache ist die wichtigste Basis der menschlichen Interaktion (vgl. Wittgenstein 2004: http://www.gutenberg.org/etext/5740).

[quote] „Sprache ist eine ausschließlich dem Menschen eigene, nicht im Instinkt wurzelnde Methode zur Übermittlung von Gedanken, Gefühlen und Wünschen mittels eines Systems von frei geschaffenen Symbolen.“ (Sapir zitiert nach Lyons 1992: 13) [/quote]

Sprache ermöglicht die Darstellung eines vereinfachten Abbilds der Wirklichkeit. Sie ist ein Präsentationssystem in dem Sinne, dass zum Beispiel das Wort „Apfel“ ein Zeichen für den Apfel an sich ist (vgl. Wittgenstein 2004). Sprache ist nichts Starres, Unveränderbares, sondern wandelt und entwickelt sich fortlaufend (vgl. Coseriu 1974). Die Sprechakttheorie von Langshaw Austin (1962) und Searle (1969) gestattet durch die Unterteilung eines Sprechaktes die Betrachtung eines intendierten Sprechaktes im Gegensatz zu einem tatsächlich vollzogenen Sprechakt und ermöglicht den Blick auf ursächlich außersprachliche Kommunikationsprobleme und somit auch auf Kommunikationsprobleme wie sie bei der Nutzung der Kanäle im Internet auftreten können.

[quote] Nach Austin existieren Lokution (grammatisch-syntaktisch korrekte Satzstruktur, gebildet durch Lautbildungen, und eine Aussage), Illokution (Intention des Sprechers, gestützt durch Mimik, Gestik, Intonation), Perlokution (beabsichtigte Wirkung beim Empfänger, und ob dieser dies versteht und ob diese erreicht wird) … Eine Sprechhandlung (also ein Sprechakt) besteht nach [Searle] … aus bis zu vier Teilhandlungen, wobei eine Perlokution nicht immer vorliegen muss. Die vier Teileakte (nach Searle) sind: Lokution (grammatisch-syntaktisch korrekte Satzstruktur, gebildet durch Lautbildungen), Proposition (Aussage über die Welt bestehend aus Referent (Subjekt) und Prädikation (Objekt)), Illokution (Intention des Sprechers, gestützt durch Mimik, Gestik, Intonation), Perlokution (beabsichtigte Wirkung beim Empfänger, und ob dieser dies versteht und ob diese erreicht wird). (Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Sprechakttheorie, Version 19:57, 30. Apr 2006) [/quote]

Kommunikationsbedingungen in modernen Medien

Der Kanal spielt bei der computervermittelten oder medienvermittelten Kommunikation als Einflussfaktor eines Kommunikationsprozesses eine zentrale Rolle. Die Kommunikationstheorie von Watzlawick (1967) lenkt den Blick auf verschiedene Einflussparameter einer Kommunikation zwischen Sender und Empfänger. Eine Interaktion findet auf verschiedenen Ebenen statt – der verbalen, nonverbalen und inhaltlichen bzw. relationalen Ebene. Bei der kanalreduzierten Kommunikation werden einzelne Ebenen ausgeblendet oder zumindest abgeschwächt, andere Ebenen können stärker in den Vordergrund treten.

Ein wichtiger Unterschied bei der Kommunikation in modernen Medienkanälen ist, dass die örtliche körperliche Kopräsenz im Gegensatz zur Face-to-Face-Kommunikation nicht gegeben ist. Die Kopräsenz in der synchronen Kommunikation ist nur kanalgebunden möglich und findet unter den Bedingungen der computervermittelten oder medienvermittelten Kommunikation – kanalreduziert – statt (vgl. Döring 2003: 38ff). Die kanalreduzierte Kommunikation über ein Medium beeinflusst unweigerlich die Kommunikationsweise (vgl. Döring 2003: 149). Im internetbasierten Schriftaustausch können zum Beispiel Probleme auftreten, da die Implikatur (Grice 1993) des Senders nach Austin (1962) nicht unbedingt vom Empfänger genauso wahrgenommen wird. Die Implikatur erlaubt es einem Sprecher, mehr zu kommunizieren als seine Wörter es in ihrer Bedeutung an sich ermöglichen (Grice 1993). Es ermöglicht ihm das Gesagte kontextuell anzureichern – indem er etwas impliziert. Dies ist bei der Kommunikation im Internet umso schwieriger, da Austauschprozesse und Beziehungen sich hier ganz anders gestalten, als in der verbalen Kommunikation. Ausdrucksmöglichkeiten im Internet sind heute zwar nicht mehr nur auf Texteingabe beschränkt, Ton- und Videokontakte werden mit der Verfügbarkeit von Breitbandverbindungen zunehmend häufiger – doch bleibt die hauptsächliche Kommunikationsform (voraussehbar) auch weiterhin der schriftliche Austausch (vgl. Krempl 2003). Insbesondere bei der Schriftkommunikation äußert sich die ‘Kanalreduktion’ im Fehlen auditiver, visueller, olfaktorischer oder taktiler Faktoren (vgl. Döring 2003: 149).

Die neuen Kommunikationsmöglichkeiten haben nicht nur zu einer schnelleren Zustellung von „Botschaften“ geführt, sondern auch zu einer Zunahme der zu verarbeitenden Informationen. Zahlreiche Informationen müssen in kurzen Zeiträumen verarbeitet werden. Nicht ausschließlich die Qualitäten, wie die schnelle Übertragbarkeit von digitalen Daten, auch die zu verarbeitenden Quantitäten von Informationen, beeinflussen das Nutzungsverhalten (vgl. Döring 2003: 161). Mit der zunehmenden Nutzung steigt ferner die Eigenproduktion von Texten an. Emails werden gelesen und müssen beantwortet werden, Blogeinträge werden verfasst und SMS-Nachrichten verschickt. Diese Massen-Interaktion macht den Zeitgewinn von Emails gegenüber Briefen, von SMS gegenüber Telegrammen, von Blogs gegenüber Zeitungen teilweise zunichte (vgl. Krempl 2003). Der Stellenwert des Geschriebenen, als schriftlich Fixiertes und Manifestiertes, nimmt hierdurch unweigerlich ab. Denn, mit der zunehmenden Textproduktion in Emails und Chats nimmt auch die (genaue) Rezeption des Geschriebenen ab. Die zur Verfügung stehende Zeit des Menschen ist beschränkt und die Aufnahmefähigkeit begrenzt. Die neuen modernen Medien manifestieren sich im täglichen Gebrauch somit nicht als Ersatz traditioneller Medien sondern vielmehr als Ergänzung zu den bestehenden individuellen Kommunikationskanälen. Sie substituieren diese nur teilweise.

Im Hinblick auf die Kommunikation in modernen Medien rücken folgend Strategien der Nutzer um Restriktionen kanalreduzierter Kommunikation auszugleichen ins Blickfeld.

Strategien der Informationsverarbeitung der Nutzer der modernen Medien

Die veränderten Qualitäten und Quantitäten von Kommunikationsprozessen haben Auswirkungen auf die Art und Weise der Kommunikation. Um das gestiegene Datenvolumen zu verarbeiten, nutzen Interaktionspartner neue Strategien der Informationsverarbeitung (Döring 2003:162). Die ‘Theorie der Informationsverarbeitung’ besagt, dass Menschen „ihr Kommunikationsverhalten in der Weise auf die technischen Systemeigenschaften [abstimmen können], dass mediale Einschränkungen hinsichtlich der Informationsfülle aktiv kompensiert werden.“ (Döring 2003:161) Welche Strategien lassen sich nun herausfiltern? Kann diese Kompensation festgestellt werden? Wie geschieht sie?

Das „Überfliegen“ von Texten und die Möglichkeit der Rückschau als ein Beispiel des veränderten Backchannel-Feedbacks

Strategien der Informationsverarbeitung zeigen sich beispielsweise darin, dass das „Überfliegen“ von Texten – die oberflächliche Betrachtung zunimmt. Der Nutzer weiß, dass er im Bedarfsfall jederzeit die Möglichkeit hat Informationen erneut abzurufen. Durch die Digitalisierung der Inhalte ergibt sich die Möglichkeit der Rückschau (vgl. Döring 2003: 157). Digitale Daten können ohne großen Aufwand archiviert und noch lange nach dem Empfang rezitiert werden. Die Archivierung von Email-Nachrichten gestattet zum Beispiel die Revision alter Nachrichten und die Suche nach Stichwörtern, Datum, Absender, Empfänger etc.. Derartige Möglichkeiten der Kommunikationsprozesse in den modernen Medien unterscheiden sich grundlegend von anderen Kommunikationsformen in ihrem Backchannel-Feedback (Kanal-Rückkopplung) (vgl. Clark & Brennan 1991: 143f). Die folgende Tabelle verdeutlicht unterschiedliche Eigenschaften von Kommunikationsformen und -kanälen in Bezug auf das Backchannel-Feedback.

Constraints Medium

Copresence

(körperlich)

Visibility

Audiblity

Contemporality

Simultaneity

Sequentiality

Reviewability

Revisibility

Face-to-Face

*

*

*

*

*

*

Video-Conference

*

*

*

*

*

Telephone

*

*

*

*

Terminal Teleconference

*

*

*

Answering Machine

*

*

Email / Mailingliste

*

*

Letter

*

*

SMS

*

*

Backchannel-Feedback bei unterschiedlichen Individualmedien (verändert und ergänzt nach Clark & Brennan 1991: 142)

Synchrone und Asynchrone Internetkommunikation und die Vermündlichung der Schriftkommunikation

Im Internetzeitalter ist ferner zunehmends zu beobachten, dass sich vermehrt bisher ausschließlich mündliche Komponenten auch in der Schriftkommunikation etablieren. Die synchrone Kommunikation im Chat gleicht zum Beispiel einem mündlichen Gespräch mehr als der asynchronen Kommunikation im Briefverkehr. Hier spiegelt sich der schnellere Kommunikationsfluss wieder. Texte werden nicht nur schneller gelesen, sondern auch schneller geschrieben. Eine derartige Strategie erfordert weniger Zeit und Anstrengung. In der Vergangenheit ging mit dem Aufkommen der verstärkten Schriftkommunikation die Dimension des Unmittelbaren verloren (vgl. Krempl 2003).

[quote] „War es in oralen Gesellschaften selbstverständlich, dass der Erzähler mit dem Publikum interagierte und jederzeit auf dessen Bedürfnisse eingehen und auf die Reaktionen der Zuhörer seinerseits wiederum reagieren konnte, so ändert sich diese Unmittelbarkeit mit dem Aufkommen der Schrift.“ (Sandbothe 1997: 149) [/quote]

Mit der Möglichkeit der Echtzeitkommunikation (synchrone Kommunikation), wie in Chats, erhält die Textkommunikation nun eine zeitaktuelle Dimension. Denn das Verfassen und Lesen von Texten, sowie eine Reaktion darauf finden hier nicht mehr zeitversetzt (asynchron) statt, bzw. die Antwortzeiten verkürzen sich (vgl. Krempl 2003). Die folgende Tabelle zeigt eine Auswahl synchroner und asynchroner Möglichkeiten der Kommunikation im Internet.

Kommunikationstyp

Asynchrone Internetkommunikation

Synchrone Internetkommunikation

Individualkommunikation (interpersonale Kommunikation

1:1

Email

VoIP-Telefonie (Internettelefonie)

Instant-Messaging

Chats

Gruppenkommunikation

n:n

Mailinglisten

Newsgroups

BBS (Bulletin Boards)

Internetgames

Peer-to-Peer-Netzwerke (Tauschbörsen)

Chats

Massenkommunikation

1:n

Websites

Blogs

Podcasts

Wikis

Websites

Blogs

Podcasts

Wikis

Tabelle: Auswahl asynchrone und synchrone computervermittelte Kommunikation (vgl. Döring 2003: 125, verändert und angepasst)

Die Kommunikationspartner haben in der Onlinekommunikation die Möglichkeit auf die Botschaft des Gegenübers ohne Zeitverzögerung zu reagieren. Hierdurch verkürzt sich jedoch ebenso die Zeit für eine aktive Reflektion. Über Geschriebenes in einem Chat kann nicht mehr genauso reflektiert werden, wie dies im Briefverkehr möglich ist (vgl. Döring 2003: 434ff). Verfügen die Kommunikationspartner nicht über ähnliche Vorstellungen bei der Mediennutzung, können hier Kommunikationsprobleme auftreten. Die Schriftkommunikation ist zudem limitiert, da Mimik, Gestik und Betonung, die auch die semantische Botschaft einer Aussage geradezu ins Gegenteil verkehren können, wegfallen (vgl. Weinreich 1997: 14f). Dennoch nach der Theorie der sozialen Informationsverarbeitung, können Menschen diese Beschränkungen durchaus aktiv kompensieren. Welche Möglichkeiten bieten sich dem Nutzer um diese Restriktionen auszugleichen? Oft spielen Emoticons und Soundwörter in der Schriftkommunikation im Internet oder per SMS ein Rolle. Die folgende Tabelle bietet einen Überblick über Kompensationsmöglichkeiten medienvermittelter Schriftkommunikation.

Face-to-Face-Kommunikation,

Nonverbale Eindrücke

Computer- und medienvermittelte Schriftkommunikation,

Substitute

auditiv

visuell

olfaktorisch

taktil

Soundwörter/Emoticons

Aktionswörter/Emoticons

Aktionswörter/Emoticons

Aktionswörter/Emoticons

Tabelle: Kompensationsmöglichkeiten medienvermittelter Schriftkommunikation (spezifiziert und verändert nach Weinreich 1997: 15)

Derartige Substitute können zwar nicht die mannigfaltigen Ausdrucksmöglichkeiten menschlicher Mimik und Gestik ersetzen. Limitationen computervermittelter Kommunikation können mit ihrer Hilfe jedoch teilweise ausgeglichen werden. Die computer- oder medienvermittelte geschriebene Interaktion, die Internetsprache (vgl. Döring 2003: 182), wie zum Beispiel in Emails, Chats und Text-Messages, weist Elemente (und somit Kommunikationsweisen) auf, die so in der verbalen, bzw. bisher vorherrschenden (vergleichbaren) Schriftsprache (zum Beispiel in Briefen) kaum oder gar nicht auftraten (vgl. Manzenreiter 2002).

Manzenreiter (ibid.) beschreibt kulturbezogene Unterschiede zwischen Emitocons des westlichen Kulturkreises (USA/Europa) und Japan. Er weist darauf hin, dass derartige Zeichen kulturabhängig sind und ein gemeinsames Verständnis der Emoticons für eine erfolgreiche Kommunikation grundlegend ist. Ein oft unausgesprochenes Verständnis zwischen Interaktionspartnern muss genauso über die Art und Weise der Nutzung der Kommunikationskanäle vorliegen. Dies kann zum Beispiel Fragen der Häufigkeit betreffen – wie häufig werden Emails abgerufen? Was erwartet der andere? Wie schnell antwortet man? Bereits Watzlawick weist darauf hin, dass auch die Frage, wie schnell oder langsam eine Antwort erfolgt, eine Nachricht beinhalten kann. Und auch eine Nicht-Beantwortung einer Nachricht beinhaltet eine Botschaft. „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ (Watzlawick, http://de.wikiquote.org/wiki/Paul_Watzlawick, Version 15:47, 14. Apr 2006)

Fazit

Die Bedingungen bei der Interaktion in modernen Medien bedingen ein verändertes Kommunikationsverhalten. In dem Beitrag konnten einige Strategien, die es ermöglichen mediale Einschränkungen aktiv zu kompensieren, identifiziert werden. Diese betreffen zum einen Strategien die kanalreduzierte Kommunikation auszugleichen, zum anderen betreffen sie individuelle Probleme, wie zum Beispiel bei Kommunikationsoverload. Es zeigt sich zum Beispiel, dass das „Überfliegen“ von Texten zunimmt, um das Volumen des gesteigerten Datenflusses bewältigen zu können. Doch durch ein oberflächliches Lesen können neue Kommunikationsprobleme entstehen. Die Möglichkeit der Rückschau, Überprüfung und das Nachlesen wichtiger Nachrichten wirken diesem Trend jedoch entgegen. Eine Lösungsstrategie um verbale Ebenen der Kommunikation ausgleichen zu können, stellen ferner Emoticons und Soundwörter dar. Sie ermöglichen eine partielle Substitution verbaler Kommunikationsweisen. Ein gemeinsames Verständnis über die Bedeutung der oft kulturgebunden Zeichen ist dabei für die Interaktion notwendig. Ebenfalls grundlegend für eine dauerhaft erfolgreiche Kommunikation ist ein derartiges Verständnis über die Art und Weise der Nutzung von Kommunikationskanälen. Die Definition gemeinsamer Richtlinien der Nutzung ist zweckmäßig, um Kommunikationsproblemen vorzubeugen, beziehungsweise sie zu lösen. Es erscheint sinnvoll diese durch Metakommunikation – also eine Kommunikation über die Kommunikation – zu erreichen. Denn nur ein grundlegendes Wissen und gemeinsames Verständnis über die Möglichkeiten und Restriktionen der Kommunikation über die neuen Medienkanäle kann letztendlich helfen, Probleme, die zum Beispiel durch unterschiedliche Erwartungen der Kommunikationspartner herrühren, zu vermeiden.

 

 

 

Referenzen

Austin, J.L. (1962): How to do things with Words. Oxford: Clarendon Press.

Clark, H.H., Brennan, S.E. (1991): Grounding in communication. In: Resnick, L.B. Levine, J. M, Teasley S. D.: Perspectives on socially shared cognition. Washington, DC: APA Books: 127-149.

Coseriu, E. (1969) Sincronía, diacronía e historia. El problema del cambio lingüístico. Montevideo. Deutsche Übersetzung: Sohre, H. (1974): Synchronie, Diachronie und Geschichte. Das Problem des Sprachwandels. München: Fink.

Döring, N. (2003): Sozialpsychologie des Internet. Die Bedeutung des Internet für Kommunikationsprozesse, Identitäten, soziale Beziehungen und Gruppen (2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage). Göttingen: Hogrefe.

Grice, H. Paul (1993 ): Logic and Conversation. In: Cole/Morgan (Hrsg.): Speech acts (=Syntax and Semantics, 3), S. 41-58.

Krempl, S. (2003): Schrift und Verschriftlichung. http://viadrina.euv-frankfurt-o.de/~sk/soemz03/schrift.html.

Lyons, J. (1992): Die Sprache. München: C.H. Beck.

Manzenreiter (2002): Virtuelle Gemeinschaften oder lonesome otaku: Zur sozialen Integrationskraft des Internet in Japan. In: Günter Schucher (Hrsg.): Asien und das Internet. Hamburg.

Sandbothe, Mike, (1997): „149“. In: Beck, K., Vowe B. (Hrsg.): Computernetze – ein Medium öffentlicher Kommunikation? Berlin: Volker Spiess.

Searle, J. R. (1969): Speech Acts. Cambridge 1969; deutsch Sprechakte. Frankfurt 1983.

Watzlawick, P., Beavin, J.H, Jackson D.D., (1967, 2000): Pragmatics of Human Communication. A Study of Interactional Patterns, Pathologies, and Paradoxes. New York.

Weinreich, F. (1997): Modernde Agoren. Nutzungsweisen und Perspektiven von Mailboxsystemen. Wiesbaden: Deutscher Universitäts Verlag.

Wikipedia (Version 19:57, 30. Apr 2006): Sprechakttheorie. http://de.wikipedia.org/wiki/Sprechakttheorie.

Wikiquote (Version 15:47, 14. Apr 2006): Paul Watzlawick. http://de.wikiquote.org/wiki/Paul_Watzlawick.

Wittgenstein, L. (2004): Tractatus Logico-Philosophicus. In: Gutenberg Project: http://www.gutenberg.org/etext/5740.

Strategien zur Konfliktlösung und Konfliktvermeidung: Konfliktmanagement in Teams (Teil II)

Im zweiten Teil zum Thema Konfliktlösung beschäftige ich mich mit dem Konzept des Neuro-Linguistischen Programmierens (NLP) und Möglichkeiten des Konfliktmanagements mit Hilfe des NLP. Insbesondere möchte ich in dem Beitrag versuchen Empfehlungen herauszuarbeiten, die eine effiziente Konfliktlösung und Konfliktvermeidung bei der Arbeit in Teams gestatten. Neben dem Verständnis über die Entstehung von Konflikten beim Einzelnen (Teil 1) ermöglichen der Einsatz von Instrumentarien und die Anwendung umfassender Konzepte eine Lösung von Konflikten in Gruppen. Zunächst steht das Konzept des NLP allgemein und seine Relevanz für Strategien der Lösung von Konflikten im Vordergrund. Basierend auf die Ausführungen werden anschließend praktische Lösungsmöglichkeiten für Konflikte bei der Arbeit in Teams erörtert. Die zentrale Frage ist dabei: Wie kann die Kooperation in Teams speziell verbessert werden? Die vorgestellten Lösungen sollen helfen, die negativen Auswirkungen von Zwistigkeiten bei der Arbeit in Teams zu reduzieren.

Ausgangspunkt für die folgenden Überlegungen sind in erster Linie Arbeitskollektive, Projektgruppen und ähnliche formelle Gruppen. Diesen Gruppen ist die Zielvorgabe von außen gemein. Im Gegensatz dazu bilden sich informelle Gruppen durch Sympathie, gleiche Motive oder Bedürfnisse ihrer Mitglieder. Diese informellen Gruppen betreffen oft netzwerkartig organisierte Gruppen im Internet, zum Beispiel in der freien Software-Bewegung oder freien Medienkollektiven. Obwohl die in diesem Beitrag vorgestellten Lösungsstrategien für Konflikte häufig auch auf diese Gruppen übertragbar sind, sollen diese hier nicht im Vordergrund stehen.

Umgang mit Konflikten in der Neuro-Linguistischen Programmierung

Neuro-Linguistische Programmierung – kurz NLP – ist eine Sammlung von „Erfolgsmodellen“, die Ende der Siebziger Jahre von Richard Bandler und John Grinder (Vgl. Bandler, R./ Grinder, J. 1996) in den Vereinigten Staaten von Amerika begründet und daraufhin von deren Anhängern und Schülern beständig weiterentwickelt wurde. Vertreter dieser Schule wie Thies Stahl, Bodo Schäfer oder Vera F. Birkenbihl gehören in Deutschland zu den angesehensten Kommunikationstrainern und Motivationskünstlern. Hauptgebiete des NLP sind die persönliche Entwicklung, Kommunikation, sowie Lerntechniken. Kritiker bezeichnen NLP als unwissenschaftlich und nicht beachtenswert. Dies ist vorwiegend in der empirisch deduktiven Vorgehensweise bei der Entwicklung von neuen Modellen – als Modelling bezeichnet – begründet. Die Erfolgsstrategien werden vollständig aus bereits bekannten Wissenschaftsgebieten zusammengetragen oder durch die Beobachtung erfolgreicher Menschen „modelliert“. Trotzdem NLP nicht wissenschaftlich anerkannt ist, kommt es auch in Deutschland in der Praxis immer häufiger zum Einsatz. An nahezu jeder Volkshochschule werden Einsteigerkurse oder Themenabende für NLP angeboten. Die Ausbildung, die von Practitioner über Master Practitioner, Trainer bis zum Lehrtrainer reicht, wird in jeder größeren Stadt Deutschlands angeboten und vom Deutschen Verband für Neuro-Linguistisches Programmieren e.V. zertifiziert. Speziell Kommunikations-, Verhaltens- und Verkaufstrainer, Motivationskünstler, Lehrer, aber auch Privatpersonen entscheiden sich für das Erlernen der NLP-Techniken. Die steigende praktische Bedeutung des NLP motivierte auch den vorliegenden Beitrag über Konfliktlösungen und Konfliktmanagement. Für professionelle Einigungsstrategien gibt es in der Neuro-Linguistischen Programmierung vielfältige Ansätze. Im Wesentlichen handelt es sich dabei aus vorgenannten Gründen um die Wiederherstellung einer funktionierenden zwischenmenschlichen Beziehung. Besonders zu beachten sind natürlich die Erkenntnisse bezüglich der Leary-Schaltkreise. Als weiterführende Literatur zu Verhandlungssituationen sei an dieser Stelle „Psycho-Logisch richtig verhandeln“ von Vera F. Birkenbihl (1993) empfohlen.

Konfliktlösung, Konfliktmanagement, Bewältigungsansätze

Unter Konfliktmanagement kann allgemein die Gestaltung und Steuerung von Konfliktlösungsstrategien verstanden werden (Vgl. Krüger 1983: 450). Konflikte können nicht im Sinne einer eindeutigen Lösung überwunden werden. Manche Spannungen sind unvermeidlich. Ein gewisses Ausmaß an Auseinandersetzungen und der dadurch verursachte Aufwand sind als gegeben anzusehen (Vgl. Lewis, 1991: 97). Spannungen sind nicht nur negativ zu beurteilen: Das Austragen kann reinigende Wirkungen haben, das Unterdrücken von Konflikten hingegen zu latenten Belastungen führen (Vgl. Endress 1975: 95). Die Aufgabe des Konfliktmanagements ist aus den angeführten Gründen nicht allein in der endgültigen Lösung oder Vermeidung von Spannungen zu sehen, sondern es gilt, die zwangsläufig auftretenden Konflikte handhabbar zu gestalten (Vgl. Krüger 1972: 116).

Aus Plausibilitätsüberlegungen ergibt sich auch hier der Hinweis auf die Interdependenz einzelner Maßnahmen. So können sich zum Beispiel Fehler bei der Wahl der Mitarbeiter negativ auf das Klima im Team auswirken, ebenso wie zu detaillierte organisatorische Regelungen. Neben der Optimierung der einzelnen Instrumente dürfte die Gestaltung des Zusammenwirkens im Sinne eines Mix zentrale Bedeutung haben (Vgl. Krüger: 1980: 1079f.).

Ist es ein Konflikt?

Um zu identifizieren, ob es sich bei den erkannten „Spannungen“ wirklich um einen Konflikt handelt, ist zunächst zu klären, wovon diese ausgehen: Gehen sie ausschließlich von einem selbst aus, so liegt das Problem bei einem selbst. Das in diesem Fall von Seiten des NLP empfohlene Selbstcoaching soll nicht Gegenstand dieses Beitrags sein. Bei der zweiten Möglichkeit sind die Ursachen der Auseinandersetzung nur beim Gegner zu finden. Der Fehler bzw. das Problem liegt also auf dessen Seite. Aus Sicht der Neuro-Linguistischen Programmierung ist dann für ihn ein Coaching empfehlenswert. Ein Konflikt liegt auch in diesem Fall nicht vor. Es ist unmöglich, dass die Ursache der Zwistigkeit in der Thematik, mit der man sich beschäftigt liegt. Würde die Beziehung zwischen den Kontrahenten stimmen, sollte in einer solchen Situation eine Diskussion möglich sein. Nur wenn der Streit durch beide Gegenspieler bedingt ist, kann eine Lösung via Konfliktmanagement gefunden werden.

Das zugrunde liegende Menschenmodell entstammt Timothy Leary und wurde von Robert Anton Wilson maßgeblich weiterentwickelt. In Stress- oder Konfliktsituationen neigen Menschen in der Regel zu bestimmten, immer wiederkehrenden Verhaltensweisen, die in diesen, als Schaltkreise bezeichneten Mustern erfasst werden können. Das Verständnis dieses Systems ist für die Auseinandersetzung wichtig, da Kontrahenten sobald sie sich in unterschiedlichen Schaltkreisen befinden nicht „kompatibel“ aufeinander reagieren. Oftmals resultieren anhaltende Streitigkeiten aus genau diesen unabgestimmten Konfliktlösungsgewohnheiten. Der bio-überleben Schaltkreis (Vgl. Wilson 1998: 36ff.) bedeutet, dass diesem zuordenbare Personen bei einer Konfrontation vorwiegend um ihr körperliches Wohlergehen besorgt sind. Sie werden versuchen, der direkten Konfrontation auszuweichen. Sollte es dennoch zu einer ernsthaften Meinungsverschiedenheit mit diesen Mitmenschen führen, so wird „füttern“ ausreichen, um den Konfliktherd abzukühlen und eine sachliche Verhandlung zu beginnen. Im ersten Augenblick mag dies absurd erscheinen, jedoch sind in der heutigen Zeit häufig Menschen zu beobachten, die in angespannten Situationen den Frust im wahrsten Wortsinn in sich „hineinfressen“. Menschen, die analog dem anal-territorialen Schaltkreis (Vgl. Wilson 1998: 52ff.) reagieren, tendieren zum „Aus-kämpfen“ der Streitpunkte. Sie schlagen schon einmal mit der Faust auf den Tisch oder werden laut bei der Verteidigung ihres Standpunktes. In diesen Situationen ist es zumeist heilsam, vorläufig auch den eigenen Argumenten „lautstark und aggressiv“ Ausdruck zu verleihen. Daraufhin ist die Ausgangslage für weitere Einigungsversuche verbessert, da man nun als gleichwertiger „Gegner“ angesehen wird. Der dritte ist der semantisch-symbolische Schaltkreis (Vgl. Wilson 1998: 82ff.). Leute, die dieser Gruppe angehören, wollen wissenschaftlich vorgehen. Für diesen Typ Mensch zählen fassbare Beweise. Man kann sie am besten auf seine Seite bringen, indem man logisch argumentiert. Der vierte Schaltkreis wird als der sozio-moralische bezeichnet (Vgl. Wilson 1998: 110ff.). Personen, die man hier eingliedern kann haben hohe ethische oder moralische Ansprüche oder sind religiös. Sie können eben gerade auf dieser Ebene überzeugt werden. Kann man ihnen glaubhaft darlegen, dass sie mit dem gewünschten Erfolg nach ihren Ansprüchen eine gute Tat vollbringen, so hat man in ihnen sehr loyale Mitstreiter.

Einigung – Lösungsbereitschaft feststellen

Bevor ein Konflikt endgültig beigelegt werden kann, sollte geprüft werden, ob der Kontrahent überhaupt grundsätzlich an einer Verständigung interessiert ist. Man kann dies auch als „Einigung zur Einigung“ (Vgl. Stumpf 1998) verstehen. Zu diesem Zweck wurde Folgendes Schema entwickelt. Zuerst sollte man erfragen, ob der Partner darin mit einem selbst übereinstimmt, dass man sich in einer gemeinsamen Konfliktsituation befindet. Ist dies nicht zutreffend, so wird er auch keine Veranlassung zur Lösung sehen. Solange er also von einem harmonischen Zusammenleben überzeugt ist, wird sich kaum ein Arrangement finden lassen. Weiterhin ist zu erkunden, ob der andere bereit ist, sich zu einigen, würden all seine Forderungen erfüllt werden. Bei dieser Fragestellung ist zu besonderes Augenmerk darauf zu legen, dass dem Gegner kein Angebot gemacht wird. Verneint er, dann bedeutet dies er ist auf einen Kampf aus. Lohnt es sich, so bleibt nichts übrig, als zu kämpfen, bis der Kontrahent die Sinnlosigkeit einsieht und sich auf Verhandlungen einlässt.

Praktische Möglichkeiten der Konfliktlösung

1.) Verringerung von Missverständnissen durch Feedback

Feedback in der Kommunikation ist als eine Art Rückmeldung zu verstehen. Der Empfänger einer verbalen oder nonverbalen Information testet durch Wiedergabe mit eigenen Worten, ob er das Gesagte richtig verstanden oder Verhalten richtig interpretiert hat und beschreibt dem den Sender, wie die Äußerung oder das Gebaren auf ihn wirkte. Ist ein Feedback kritisch, so kann eine Verhaltensempfehlung hinzugesetzt werden.

  • Feedback geben

Um Konflikte durch „falsches“ Feedback zu vermeiden, gibt es einige Regeln, die der Feedbackgeber beachten sollte. Die Handlung des Senders sollte neutral beschrieben, nicht jedoch interpretiert werden. So wird er nicht in eine Rechtfertigungsposition gezwungen. Die eigene Reaktion wird beschrieben, d.h. welche Gefühle löste besagtes Verhalten im Empfänger aus? Somit wird die Wirkung ausdrücklich als subjektiver Eindruck gekennzeichnet. Um die erwünschte Reaktion zu erreichen, spielt der richtige Zeitpunkt eine erhebliche Rolle. Feedback sollte im Normalfall zeitnah an den Auslöser erfolgen. So hat die angesprochene Person noch konkretes Wissen über den Sachverhalt. Hingegen sollte diese Person mit der Rückmeldung auch nicht belästigt oder bloßgestellt werden. Wünsche bezüglich Verhaltensänderungen sollten als Bitte vorgetragen werden. Feedback ist keine pädagogische Zwangsmaßnahme. Der Empfänger entscheidet über die Annahme. Die Angabe des Grundes für Feedback verhindert Unterlegenheitsgefühle beim Empfänger. Er bekommt nicht den Eindruck, ihm solle eine Lektion erteilt werden.

  • Feedback bekommen (wollen)

Feedback ist ein Geschenk. Durch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Fremdbild lassen sich Missverständnisse vermeiden. Zudem lernt man erfolgreicher zu kommunizieren und versteht Reaktionen seiner Mitmenschen besser. Wer Feedback erhalten möchte, sollte vom Kommunikationspartner genaue Einzelheiten erfragen. Je konkreter die Frage ist, desto spezifischer und brauchbarer ist die Antwort. Das Gehörte sollte sofort überprüft werden. Kann man mit der Information etwas anfangen? Durch Nachfragen kann man Verständnis sicherstellen. Eine positive Reaktion motiviert den anderen zu weiterem Feedbackgeben. Feedback ist keine Kriegserklärung. Deshalb ist es unnötig, sich zu wehren. Besonders bei gefühlsmäßiger Betroffenheit sollte man später (reflektierter) über Annahme oder Ablehnung entscheiden. Niemand muss so sein, wie andere ihn haben wollen.

2.) Mediation – die moderne Konfliktmoderation

Mediation ist eine Streitlösungsmöglichkeit, bei der die Kontrahenten einen neutralen Vermittler einschalten, der sie mittels einer geeigneten Verfahrensstruktur zu einem außergerichtlichen Vergleich führt. Ziel dieser moderierten Konfliktbearbeitungsmethode ist es nicht, einen objektiv fairen Ausgang zu erreichen, sondern die betroffenen Personen zu einer subjektiv für sie ausgewogenen Lösung zu führen. Vertraulichkeit und Neutralität des Mediators bilden die Basis des Verfahrens. Seine Position gebietet ihm, weder zu werten, noch jemandem Recht zu geben. Er ist ohne Entscheidungsmacht. Weiterhin ist es unumgänglich, dass sich Parteien freiwillig und offen an dem Prozess beteiligen. (Vgl. Walterskirchen, H.(1999), S. 164ff.)

Schritt 1: Das Vorgespräch

(Vgl. Redlich 1997: 31ff.)
Die erste Phase der Mediation bezieht die Kontrahenten noch nicht mit ein. Zunächst gilt es, den Auftrag mit der zuständigen Führungskraft detailliert zu vereinbaren. Dazu sind die Ziele des Leiters zu erfragen. Weiterhin sollte geklärt werden, wie viel Engagement er bereit ist zu investieren und inwieweit er an der Lösung mitarbeiten möchte. Ferner sollte der Mediator sich den Konflikt auch aus der Perspektive des Vorgesetzten erläutern lassen und analysieren welche Rolle die Führungskraft in der Auseinandersetzung spielt. Schon im Vorgespräch sollten ebenfalls die Möglichkeiten und Grenzen der Mediation aufgezeigt werden. Letztlich ist es für eine spannungsfreie Zusammenarbeit anzuraten, an dieser Stelle bereits alle allgemeinen Rahmenbedingungen auszuhandeln. Zu diesen gehören sowohl die zur Verfügung stehende Zeit und teilnehmende Mitarbeiter als auch die Höhe des Honorars und sonstige vertragliche Einzelheiten.

Schritt 2: Der Einstieg

(Vgl. Redlich 1997: 34ff.)
Um eine konstruktive Atmosphäre zu erreichen, ist zu Beginn der eigentlichen Klärung diese Kontaktphase zu empfehlen. Die Teilnehmer sollten an dieser Stelle die Möglichkeit erhalten, ihre Hoffnungen und Befürchtungen zu äußern. Es ist besonders darauf zu achten, dass jeder Teilnehmer in gleichem Maße einbezogen wird. Damit Enttäuschungen vermieden werden, sollte der Moderator schon jetzt seine Vorgehensweise vorstellen. Es ist für den Mediator günstig, sich eindeutig als Klärungshelfer von einem Richter abzugrenzen. Somit werden die Kontrahenten noch intensiver zur aktiven Mitarbeit angehalten. Da das Klima in der Gruppe für die Kooperationsbereitschaft der Teilnehmer mit von entscheidender Bedeutung ist, darauf zu achten, dass der Einstieg nicht unter Zeitdruck stattfindet.

Schritt 3: Der Auftrag

(Vgl. Redlich 1997: 37ff.)
In diesem Stadium soll der Focus der Gruppe auf das Ziel ausgerichtet werden. Zu diesem Zweck soll jeder Teilnehmer zunächst in Einzelarbeit seine Wünsche sammeln. Diese werden daraufhin gemeinsam zusammengetragen. Dabei ist natürlich zu beachten, dass jeder Kontrahent in gleichem Maße einbezogen wird. Daraufhin ist die Aufgabe des Moderators das weitere Vorgehen zu erläutern und herauszustellen, welche Anliegen mittels Mediation nicht geklärt werden können. Solche „unlösbaren Probleme“ ergeben sich zum Beispiel dadurch, dass der Mediator keine Führungsaufgaben übernimmt bzw. auch keine Entscheidungsbefugnis besitzt. Haben die Konfliktparteien ihrerseits bereits Vorschläge, wie die weitere Problembearbeitung ablaufen könnte, so ist es empfehlenswert, sie auch an diesem Punkt aktiv einzubeziehen. Zum Teil lassen sich auf diese Weise schon erste Konfliktherde beseitigen, was sehr zuträglich für die Motivation des einzelnen ist. Sobald sich für die weitere Bearbeitung des Konfliktes mehrere Möglichkeiten anbieten, wird gemeinsam entschieden, welcher Weg beschritten werden soll.

Schritt 4: Die Klärung

Dieser Abschnitt bezieht sich auf das Kommunikations-Quadrat von Friedemann Schulz von Thun. Mit jedem Konfliktpartner werden die einzelnen Kommunikationsebenen durchlaufen:

-> Wie fühlt sich der einzelne mit dem Konflikt?
-> Welche sachlichen Dinge sind ihm besonders wichtig?
-> Wie empfindet er die Beziehung zum Kontrahenten?
-> Welche Wünsche hat er an die anderen Teilnehmer?

Bei diesem Moderationsschritt besteht die Vermittlungsaufgabe darin, die Ablaufstruktur zu wahren, den Parteien aktiv zuzuhören und Sachinhalte zu visualisieren. Um das Konfliktpotential zu entschärfen sollte besonderes Augenmerk darauf gelegt werden, dass abwertende Bemerkungen und Angriffe in vertretbare Sprache übersetzt werden. Haben sich alle Seiten zu vorstehenden Punkten geäußert, so können unstrittige Punkte herausgearbeitet werden. Übrig bleiben die eigentlichen Kernpunkte des Konfliktes.

Schritt 5: Die Verhandlung

(Vgl. Redlich 1997: 62ff.)
Eine zu geringe Zahl der Lösungsvorschläge könnte zum Scheitern des Einigungsprozesses führen. Es ist wichtig Bewegung in die Positionen zu bringen. Dazu ist es meist hilfreich, die eingefahrenen Kommunikationsgleise zu verlassen und die Parteien anders miteinander reden zu lassen als bisher. Einige Ideen dazu: Die Konfliktpartner kommunizieren schriftlich aus ihren Gruppen miteinander. Sie bilden gemischte Kleingruppen. Sie bringen ihre Interessen über delegierte Sprecher zum Ausdruck, in Pro und Contra Diskussionen mit Helfer und neutraler Jury. Besonders beliebt ist es, zur Einleitung der Verhandlungsphase in einem Brainstorming zunächst viele Möglichkeiten zusammenzutragen. Auch anfangs absurd erscheinende Ansätze können der Schlüssel zum Erfolg sein und sollten aus diesem Grunde Beachtung finden. Besonders die häufig nur beiläufig geäußerten Offerten an die Gegenseite können sich für eine gütliche Einigung als ausschlaggebend herausstellen. Nun werden Absprachen getroffen, wie einzelne Elemente der vorgebrachten Ideen so kombiniert werden können, damit die entstehende Mischung von allen beteiligten Personen getragen werden kann. Dazu ist es zweckmäßig in bis zu sechs Schritten vorzugehen, die im Folgenden erklärt werden. Die Qualität der Problemlösung wird mit dieser Methode höchstmöglich ausfallen. Der Prozess setzt die Verabredung eines Aufschubs von schnellen Lösungen voraus und erfordert von allen Beteiligten die Fähigkeit, Unentschiedenheit zu ertragen. Schafft der Moderator eine Atmosphäre, in der gemeinsam wohlwollend an der Problembewältigung gearbeitet und dies als Chance gesehen wird, so ist die Erfolgswahrscheinlichkeit am höchsten. Zunächst sollte analysiert werden, ob eine Lösung existiert, die die Wünsche beider Seiten erfüllt. Ist dies nicht möglich, so ist zu ergründen, ob bei einem möglichen Kompromiss keine der Konfliktparteien verliert. Kann auch eine solche Regelung nicht gefunden werden, dann kann der Mediator häufig eine Annäherung über einen Mittelweg erreichen, bei dem beide Seiten vergleichbare Zugeständnisse machen. Gelingt selbst auf diesem Wege keine Verständigung, so ist zu erwägen, ob die Möglichkeit besteht, den „Reibungspunkt“ zu umgehen. Stellt sich heraus, dass der Konfliktherd nicht gemieden bzw. die Kontrahenten nicht getrennt werden können, kann als letzte Chance nur ein geeigneter Rahmen für einen fairen Kampf geboten werden. Dabei sollten beide Seiten darauf hingewiesen werden, dass ein Nachgeben in weniger bedeutenden Punkten die Ausgangsposition für die Durchsetzung der für sie ausschlaggebenden Aspekte des Streits verbessern kann. Beim endgültigen Beschluss der allgemein anerkannten Regelungen ist eine genaue Zielvereinbarung zu treffen. Das bedeutet nicht nur, dass die einzelnen Aufgaben, Ressourcen und Kompetenzen verteilt werden müssen, sondern es ist auch eine genaue Frist für die jeweiligen Etappen und ein Termin für die Erfolgskontrolle festzulegen.

Schlussbemerkungen

In dem Beitrag konnten Teile, der aktuell meistgenutzten Konfliktlösungsmodelle vorgestellt werden. Nicht einbezogen werden konnten jedoch beispielsweise die bedeutende themenzentrierte Interaktion von Ruth C. Cohn (1976) oder Eric Bernes Transaktionsanalyse (1967).
Abschließend kann festgestellt werden, dass die hier dargestellten Methoden bereits Einzug in die Unternehmenswelt gefunden haben und breite Anwendung finden. Der Trend im großen Feld des Konfliktmanagements geht in Richtung Aufklärung und Vorbeugung bzw. Konfliktvermeidung. In unternehmensinternen Weiterbildungen werden die so genannten „Soft Skills“, also soziale-, kommunikative- und methodische Fähigkeiten immer stärker geschult. In Personaleinstellungstests wird explizit nach Leuten gesucht, die gut in das vorhandene Team und Unternehmen passen. Wer wohlwollend auf seine Mitmenschen zugeht, sich in die Lage des Partners hineinversetzt und Verständnis zeigt, für den ist Konfliktbewältigung ohnehin ein seltenes Thema.

 

Literatur 

Bandler,Richard/ Grinder, John (1996):
Patterns. Muster der hypnotischen Techniken Milton H. Ericksons, Paderborn 1996

Berne, Eric (1967):
Spiele der Erwachsenen, Reinbek 1967

Cohn, Ruth C.(1976):
Von der Psychoanalyse zur Themenzentrierten Interaktion, Stuttgart 1975

Endress, Ruth (1975):
Strategie und Taktik der Kooperation, Berlin 1975

Krüger, Winfried (1972):
Grundlagen, Probleme und Instrumente der Konflikthandhabung in der Unternehmung, Berlin 1972

Krüger, Winfried (1980):
Konflikt in der Organisation, in: HWO Handwörterbuch der Organisation, 2. Überarbeitete Auflage, Stuttgart 1980, S. 1070 – 1082

Krüger, Winfried (1983):
Konfliktsteuerung in der Unternehmung, in: Management Enzyklopädie, Bd. 5, 2. überarbeitete Auflage, Landsberg 1983, S. 441-452

Lewis, Jordan D. (1991):
Strategische Allianzen, Frankfurt/ New York 1991

Redlich, Alexander (1997):
Konfliktmoderation: Handlungsstrategien für alle, die mit Gruppen arbeiten, Hamburg 1997

Walterskirchen, Helene (1999):
Streite dich nicht – gewinne! Zeitgemäßes Konflikt-Management, Berlin 1999

Wilson, Robert Anton (1998):
Der neue Prometheus. Die Evolution unserer Intelligenz, Reinbek 1998

 

Teil I: Strategien zur Konfliktlösung und Konfliktvermeidung

 

 

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Weblinks

Kritisch

Positiv

Verbände und private Initiativen

 

Wasserlos waschen auf welkem Gras – zur Habermas-Ratzinger-Debatte

„Die Demokratie setzt die Vernunft im Volk voraus, die sie erst hervorbringen muss!“ Karl Jaspers

„Im Notwendigen Einheit, im Zweifel Freiheit, in allem die Liebe“ GAUDIUM ET SPES

Zu Beginn des Jahres 2004 trafen der Hausphilosoph der Bundesrepublik Deutschland, Jürgen Habermas, und der spätere Papst Benedikt XVI, damals noch Kardinal Ratzinger, zusammen für eine Disputation über die „Vorpolitischen moralischen Grundlagen eines freiheitlichen Staates“. Obwohl die unterschiedlichen politischen, philosophischen und nicht zuletzt biographischen Hintergründe der Disputanden durchaus Anlass geboten hätten, blieb eine Fortsetzung der hergebrachten Grabenkriege zwischen konservativem Katholizismus und säkularer, linker Gesellschaftstheorie aus. Beobachter und Kommentatoren der Debatte stellten vor allem Überschneidungen und Verbindlichkeiten zwischen den beiden Vorträgen heraus und beschworen das neue Klima der Annäherung und gegenseitigen Befruchtung zwischen den Vertretern von Glaube und Ratio. Im folgenden Beitrag soll die Debatte einer kritischen Untersuchung unterzogen werden. Zum einen soll beleuchtet werden, wie weit die propagierte Einmütigkeit tatsächlich trägt, bzw. welche Grenzen der Annäherung schon aus den Vorträgen selbst erlesbar ist. Dort wo sich tatsächlich ein kleinster gemeinsamer Nenner ausmachen lässt, soll dieser zunächst von beiden Innenperspektiven her und dann mit Blick auf eine ideale demokratische polis auf seine Tauglichkeit untersucht werden. Den Abschluss bildet ein Verweiß auf eine echte gegenseitige Befruchtung mit dem urchristlichen Gesellschaftsmodell als Blaupause.

Die Debatte kurz skizziert

Als Ausgangsfrage gab der gastgebende katholische Akademiedirektor in Bayern zwei Fragen vor: „Wie eine sich selbst als plural verstehende Gesellschaft gemeinsame Ligaturen, […], erkennen und anerkennen kann und soll. Und, […], wie Glaubende ihre von Transzendenz her sich begründende und verstehende Existenz in dieses gesellschaftliche Erkennen und Anerkennen einbringen können und sollen“. Der Beginn und Kernpunkt der Habermasschen Ausführungen ist die sog. Böckenförde Frage1, „ob der freiheitliche, säkularisierte Staat von normativen Voraussetzungen zehrt, die er selbst nicht garantieren kann“. Zunächst räumt er ein mögliches Missverständnisse aus dem Weg: es geht ihm weder darum, ein prä-modernes, monarchisches Verständnis von Rechtssetzung wieder einzuführen – ein Gottesgnadentum von Herrschaft und Gesetz. Die Rechtsgebungsprozesse des demokratischen Staates tragen ihre Legitimation in sich selber und im Prozess ihres Zustandekommens. Es gäbe kein Geltungsdefizit das durch Sittlichkeit aufgefüllt werden müsse. Das passive Erdulden von Freiheitsbeschneidungen jedweder Art durch Gesetze ist durch die demokratische Art ihres Zustandekommens gewährleistet. Was allerdings nicht gewährleistet sei, ist die aktive Mitarbeit am Gesetz- und Rechtsgebungsverfahren. So könnte auch von außen das Zusammenleben aller in Gefahr geraten, wenn etwa „eine entgleisende Modernisierung der Gesellschaft das demokratische Band müde machen und die Art von Solidarität auszehren, auf die der demokratische Staat, ohne sie rechtlich erzwingen zu können, angewiesen ist“. Wo Markt und Bürokratie ausufern fürchtet Habermas den vereinzelten, nomadenhaft selbstinteressiert handelnden, seine Rechte wie Waffen gebrauchenden Bürger, der es am Willen zum aktiven Mitgestalten und Solidarität mit seinesgleichen missen lässt.

Es folgt ein Exkurs über die historisch geschehene gegenseitige Befruchtung von christlichem Glauben und abendländischer Philosophie im entdecken ihres jeweils Anderen sowie dem Verweiß auf deren erneute Notwendigkeit. Dabei diagnostiziert er bereits erfolgte Verschränkungen, wie etwa die Übersetzung der Gottesebenbildlichkeit in die säkulare Figur der Würde des Menschen. Darüber hinaus aber würdigt er die praktische Ausformung eines Gemeinschaftslebens im Glauben.

[quote] Im Gegensatz zur ethischen Enthaltsamkeit eines nachmetaphysischen Denkens, dem sich jeder generell verbindlicher Begriff vom guten und exemplarischen Leben entzieht, sind in heiligen Schriften und religiösen Überlieferungen Intuitionen von Verfehlung und Erlösung, vom rettenden Ausgang aus einem als heillos erfahrenen Leben artikuliert, über Jahrtausende hinweg subtil ausbuchstabiert und hermeneutisch wach gehalten worden. Deshalb kann im Gemeindeleben der Religionsgemeinschaften, sofern sie nur Dogmatismus und Gewissenszwang vermeiden, etwas intakt bleiben, was andernorts verloren gegangen ist und mit dem professionellen Wissen von Experten allein auch nicht wiederhergestellt werden kann – ich meine hinreichend differenzierte Ausdrucksmöglichkeit und Sensibilitäten für verfehltes Leben, für gesellschaftliche Pathologien, für das Misslingen individueller Lebensentwürfe und die Deformation entstellter Lebenszusammenhänge. [/quote]

Mit diesen Quellen von Normbewusstsein, gesellschaftlicher Integration und Solidarität schonend umzugehen, muss ein Anliegen des säkularen Staates sein. Abschließend schreibt Habermas allen seinen Vertretern ins Stammbuch, dass sie diesen Wert von religiös motivierten Gestaltungsbeiträgen anerkennen müssen und darüber hinaus aktiv beim Übersetzungs- und Verwertungsprozess für gesellschaftliche Debatten behilflich sein müssten. Anknüpfend an den eingetretenen Verlust ihrer alleinigen Deutungshoheit, erwartet er aber auch von den Vertretern religiöser Gemeinschaften nichts weniger, als das „Andocken“ einer egalitären Gesellschaftsmoral und universalistischen Rechtsordnung an ihr eigenes Gemeindeethos. Ratzinger setzt mit drei Prämissen an: Zum einen habe sich im 20. Jahrhundert eine umfassende Weltgesellschaft herausgebildet; mit ihr zusammen haben sich enorme Möglichkeiten von „Macht des Machens und des Zerstörens“ entwickelt; drittens bleibe trotzdem die Frage nach einer universellen Begründung für ethisches Verhalten letztlich ungelöst. Im Weiteren überfliegt Ratzinger einige mögliche Quellen aus denen eine solche hervorgehen könne, kritisiert jedoch eine nach der anderen als unzulänglich: Wissenschaft sei am Zerbrechen alter moralischer Gewissheiten beteiligt gewesen und sei mit ihrem verkürzten Menschenbild gar nicht in der Lage solche aus sich zu generieren. Er gesteht der Politik zu, dass sie mit der Entwicklung von Demokratien zumindest die Ausübung von Macht und Gewalt unter das Primat eines gemeinsam bejahten Rechts gestellt habe. Allerdings sei Demokratie schon durch die ihr inneliegende Unterdrückung der Minderheit durch die Mehrheit und den historisch verbrieften Irrtümern von Mehrheitsbeschlüssen diskreditiert. Weiter blickt er Angst, Furcht und schieren Terror als Quelle moralischer Entwicklung, wie es etwa in Reaktion auf die Weltmächte und den Kalten Krieg vorgekommen sei. Im nächsten Abschnitt baut Ratzinger einen Chiasmus auf, indem er zum ersten mal Religion als mögliche heilende Macht ins Spiel bringt, nur um ihr, z.B. wegen ihrer Funktion als Inspiration für terroristisch agierenden Fundamentalismus, die Ratio als notwendige Bewacherin an die Seite zu stellen. Die Verlässlichkeit letzterer sei aber wiederum scharf in Zweifel zu ziehen angesichts ihrer moralisch blinden Endauswüchsen wie Atomwaffen oder der zunehmenden Kommodifikation des Menschen und seiner Erbsubstanz. Der folgende lange Abschnitt rekuriert auf das von der katholischen Kirche nach wie vor favorisierte Modell des Naturrechts, welches auf einem angenommenen Ineinsfallen von Natur und Vernunft, sowie der Ablesbarkeit von bestimmten Rechtsgütern direkt aus den Gegebenheiten der Natur ausgeht.

[quote] Dies Naturrecht ist – besonders in der katholischen Kirche – die Argumentationsfigur geblieben, mit der sie in den Gesprächen mit der säkularen Gesellschaft und mit anderen Glaubensgemeinschaften an die gemeinsame Vernunft appelliert und die Grundlagen für eine Verständigung über die ethischen Prinzipien des Rechts in einer säkularen pluralistischen Gesellschaft sucht. Aber dieses Instrument ist leider stumpf geworden, und ich möchte mich daher in diesem Gespräch nicht darauf stützen. [/quote]

In der anschließenden Diskussion hat Ratzinger dann allerdings die insinuierte Zurückstufung des zentralen Naturrechtsgedanken wieder relativiert. Die Sache des Naturrechts „wolle er durchaus verteidigen, wenn auch unter vielleicht einstweiligem Verzicht auf den Begriff Natur im Sinne von Substanz.“2 Als letztes Überbleibsel des Naturrechts identifiziert Ratzinger die Menschenrechte. Allerdings sollten diese „um eine Lehre von den Pflichten des Menschen und von seinen Grenzen erweitert werden, und das könnte nun doch die Frage erneuern helfen, ob es nicht eine Vernunft der Natur und so ein Vernunftrecht für den Menschen und sein Stehen in der Welt geben.“ Eine solche Neuerschaffung des Naturrechts könne allerdings nur in Abstimmung mit anderen Kulturkreisen geschehen. Diese interkulturelle und interreligiöse Begegnung macht Ratzinger im folgenden Abschnitt besonders stark und spricht im Zuge dessen beiden Wurzeln abendländischer Kultur, christlichem Glauben und säkularer Rationalität, einen universellen Anspruch gänzlich ab. Die beiden zueinander stehen zueinander laut Ratzinger in einer notwendigen Korrelation der gegenseitigen Korrektur, Reinigung und Heilung. Dieser Zusammenwirken, Glaube und Ratio vereint plus interkulturellem Kontext, könne dazu führen, „dass die von allen Menschen irgendwie gekannten oder geahnten wesentlichen Werte und Normen neue Leuchtkraft gewinnen können, so dass wieder zu wirksamer Kraft in der Menschheit kommen kann, was die Welt zusammenhält“.

Der Debatten-Nachhall

Es liegt in der Natur der vom Veranstalter gewählten Diskussionsform, je ein Vortrag ohne inhaltliche Vorgabe zu einem relativ weiten Thema, dass, vielleicht mit gutem Grund, die Beiträge nur sehr bedingt aufeinander eingehen und in ihren Ergebnissen vergleichbar sind. Keiner der beiden Texte erfüllt auch nur annähernd die Funktion einer befriedigenden Antwort auf die Aussagen, Fragen und Vorschläge des Anderen. Deshalb möchte ich noch zwei weitere Texte heranziehen, die wenigstens teilweise als Reaktion der Teilnehmer auf das vom anderen in der Akademie Gesagte gesehen werden können.

[quote] Jürgen Habermas: "Wann müssen wir tolerant sein? Über die Konkurrenz von Weltbildern, Werten und Theorien", Festvortrag zum Leibniztag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am 29. Juni 2002. S. 1f. [/quote]

In seiner ersten öffentlichen Rede nach der Debatte, stellt Habermas wieder eher die Konkurrenz zwischen den beiden Weltanschauungen, Glauben und Wissenschaft, in den Vordergrund. Er scheint sich dabei auch indirekt auf die Begegnung mit Ratzinger zu beziehen, wenn er allgemein von den theorievergleichenden Diskussionen spricht.

[quote] „Den theorievergleichenden Diskussionen können wir jene Dispute zur Seite stellen, die bei Gelegenheit interreligiöser oder interkonfessioneller Begegnungen stattfinden. Beide Diskurse lassen sich unter idealen Voraussetzungen sogar als kooperative Wahrheitssuche beschreiben. Aber Wissenschaftler unterschieden sich von Theologen in diesem Bemühen sowohl durch ein fallibilistisches Bewusstsein wie durch die – jedenfalls unmittelbar – fehlende Relevanz ihres Wissens für ethische Handlungsorientierungen. In idealtypischer Vereinfachung verstehen sich Wissenschaftler als Teilnehmer eines kollektiven Lernprozesses. Sie gehen davon aus, dass sie an Problemen arbeiten, die in der Regel eine überzeugende, wenn auch grundsätzlich kritisierbare Lösung zulassen. Sie sind auf der Suche nach unentdeckten, für uns noch in der Zukunft liegenden Wahrheiten. Theologen verstehen sich hingegen als Interpreten einer in der Vergangenheit offenbar gemachten, nicht revisionsfähigen Wahrheit, die sich gegen konkurrierende Glaubenswahrheiten mit guten Gründen verteidigen lässt. Freilich rechnen sie beim Interpretationsstreit verschiedener Religionen nicht mit der Möglichkeit, die Art von Evidenzen und Gründen anzuführen, die Opponenten, wenn auch nur vorübergehend, zur Zustimmung zu einer einstweilen rational akzeptablen Aussage bewegen könnten. Sie erwarten vielmehr einen finalen Konsens, der von der Ausbreitung einer schon zugänglichen Wahrheit abhängt. Am jüngsten Tage soll sich herausstellen wird, welches der echte Ring ist.“ ebd., S. 4. [/quote]

Dabei fällt auf, dass er hierbei vor allem wieder die unterschiedliche Hermeneutik von Wissenschaft und Glaubenslehre betont. Zwar gibt er die Viabilität beider Wege, des auf die Zukunft gewandten Wahrheitssucher und des Ableiten von im Zeitlichen Verwendbaren aus ewigen Wahrheiten; damit ist aber auch wieder die Trennlinie zwischen beiden genau nachgezogen. Von der vorher beschworenen Gemeinsamkeit und gegenseitigen Befruchtung in der Geschichte ist nichts mehr zu hören. Dafür wird der Verlust des religiösen Deutungsmonopol im säkularen Gesellschaftszusammenhang und die sich daraus ergebende zwingend notwendige Aufnahme von Menschenrechten in das religiöse Dogma noch erweitert und verschärft.

[quote] „Jede Religion ist ursprünglich "Weltbild" oder, wie John Rawls sagt, "comprehensive doctrine" auch in dem Sinne, dass sie die Autorität beansprucht, eine Lebensform im ganzen zu strukturieren. Diesen Anspruch auf umfassende
Lebensgestaltung muss eine Religion aufgeben, sobald sich in pluralistischen Gesellschaften das Leben der
religiösen Gemeinde vom Leben des größeren politischen Gemeinwesens differenziert. […] Die großen Religionen
müssen sich die normativen Grundlagen des liberalen Staates selbst dann noch einmal unter eigenen Prämissen
aneignen, wenn – wie im europäischen Falle der jüdisch-christlichen Überlieferung – zwischen beiden ein
genealogischer Zusammenhang besteht.“ ebd., S. 6.
[/quote]

Zum Beispiel fordert er, dass sich die unterschiedlichen Wertvorstellungen nicht nur angleichen, sondern die einen sollen aus den anderen ausnahmslos hervorgehen. Von einem einseitigen Ausschöpfen der religiösen Wertequelle von den Nomaden der säkularen Ethikwüste kann keine Rede sein. Vor allem das Defizit der Kirchen was das Andocken, bzw. Unterordnen von Dogma unter Menschenrechte angeht wird klar benannt.

[quote] „Das soziale Band, welches Gläubige mit Andersgläubigen und Ungläubigen als Mitgliedern derselben säkularen Gesellschaft verbindet, soll nicht reißen. Aber die erforderliche Rollendifferenzierung zwischen Gemeindemitglied und Gesellschaftsbürger muss aus der Sicht der Religion selbst überzeugend begründet werden, wenn nicht Loyalitätskonflikte weiter schwelen sollen. Die religiöse Vergemeinschaftung ist auf die säkulare erst dann abgestimmt, wenn sich auch aus der Binnensicht die beiden korrespondierenden Sätze von Normen und Wertorientierungen nicht nur voneinander differenzieren, sondern wenn die einen aus den anderen konsistent hervorgehen. […] Sie verlangt die kognitive Ausdifferenzierung der in der demokratischen Verfassung festgeschriebenen Gesellschaftsmoral aus dem Gemeindeethos. Das macht in vielen Fällen die Revision von Vorstellungen und Vorschriften nötig, die sich – wie beispielsweise im Falle der dogmatischen Verurteilung von Homosexualität – auf eine lange Auslegungstradition heiliger Schriften stützen.“ ebd., S. 7. [/quote]

Eher sollen also Flüsse der Aufklärung noch so manche verstaubte Wurzeln im alten Garten des Glaubens hinwegspülen. Viel interessanter ist allerdings ein Blick in eines der letzten von Ratzinger erschienen Dokumente – diesmal allerdings bereits als Papst Benedikt: die Enzyklika DEUS CARITAS EST. In seinen Ausführungen über die aktive Liebe der Christen in der Welt beleuchtet er auch die Frage nach einer gerechten Weltordnung, und er äußert sich ausführlich über die Beziehung von säkularer Vernunft und Glauben im Bezug auf Gesellschaftsordnung. Zunächst wiederholt er noch einmal, dass im Bereich des Rechts und seiner Kodifizierung zunächst die weltliche Vernunft das Primat haben, allerdings nur unterstütz durch einen Glauben, der die Vernunft vor ihren eigenen Auswüchsen bewahrt.

[quote] „An dieser Stelle berühren sich Politik und Glaube. Der Glaube hat gewiss sein eigenes Wesen als Begegnung mit dem lebendigen Gott – eine Begegnung, die uns neue Horizonte weit über den eigenen Bereich der Vernunft hinaus öffnet. Aber er ist zugleich auch eine reinigende Kraft für die Vernunft selbst. Er befreit sie von der Perspektive Gottes her von ihren Verblendungen und hilft ihr deshalb, besser sie selbst zu sein. Er ermöglicht der Vernunft, ihr eigenes Werk besser zu tun und das ihr Eigene besser zu sehen. Genau hier ist der Ort der Katholischen Soziallehre anzusetzen: Sie will nicht der Kirche Macht über den Staat verschaffen; sie will auch nicht Einsichten und Verhaltensweisen, die dem Glauben zugehören, denen aufdrängen, die diesen Glauben nicht teilen. Sie will schlicht zur Reinigung der Vernunft beitragen und dazu helfen, dass das, was recht ist, jetzt und hier erkannt und dann auch durchgeführt werden kann.“ DEUS CARITAS EST, Enzyklika Benedikt des XVI. Vom 25.12.2005, zitiert nach der Sammlund der Verlautbarung des Apostolischen Stuhls der Deutschen Bischofskonferenz, Nr. 171, S. 38. [/quote]

Der Korrelationsgedanke und die Vorstellung von der gegenseitigen Reinigung haben die Papstwahl unbeschadet überstanden. Allerdings endet die einschlägige Passage auch mit dem Verweiß darauf, dass das was der Glaube an Reinigungsmittel beizutragen hat, immernoch ein in sich rechtes sei – auch die Notwendigkeit auf eine Art natürlichen Rechts, welches bereits existiert und nur umfassend erkannt werden müße, erfährt weiterhin päpstliche Adelung. So heißt es dann auch weiter:

[quote] Die Soziallehre der Kirche argumentiert von der Vernunft und vom Naturrecht her, das heißt von dem aus, was allen Menschen wesensgemäß ist. Und sie weiß, dass es nicht Auftrag der Kirche ist, selbst diese Lehre politisch durchzusetzen: Sie will der Gewissensbildung in der Politik dienen und helfen, dass die Hellsichtigkeit für die wahren Ansprüche der Gerechtigkeit wächst und zugleich auch die Bereitschaft, von ihnen her zu handeln, selbst wenn das verbreiteten Interessenlagen widerspricht. [/quote]

Was in den nächsten zwei Paragraphen folgt – wobei der zweite wohl zur besonderen Betonung der Tragweite den ersten paraphrasiert – hat starke habermasianische Anklänge.

[quote] „Das bedeutet aber: Das Erbauen einer gerechten Gesellschafts- und Staatsordnung, durch die jedem das Seine wird, ist eine grundlegende Aufgabe, der sich jede Generation neu stellen muss. Da es sich um eine politische Aufgabe handelt, kann dies nicht der unmittelbare Auftrag der Kirche sein. Da es aber zugleich eine grundlegende menschliche Aufgabe ist, hat die Kirche die Pflicht, auf ihre Weise durch die Reinigung der Vernunft und durch ethische Bildung ihren Beitrag zu leisten, damit die Ansprüche der Gerechtigkeit einsichtig und politisch durchsetzbar werden. [Absatz] Die Kirche kann nicht und darf nicht den politischen Kampf an sich reißen, um die möglichst gerechte Gesellschaft zu verwirklichen. Sie kann und darf nicht sich an die Stelle des Staates setzen. Aber sie kann und darf im Ringen um Gerechtigkeit auch nicht abseits bleiben. Sie muss auf dem Weg der Argumentation in das Ringen der Vernunft eintreten, und sie muss die seelischen Kräfte wecken, ohne die Gerechtigkeit, die immer auch Verzichte verlangt, sich nicht durchsetzen und nicht gedeihen kann. Die gerechte Gesellschaft kann nicht das Werk der Kirche sein, sondern muss von der Politik geschaffen werden. Aber das Mühen um die Gerechtigkeit durch eine Öffnung von Erkenntnis und Willen für die Erfordernisse des Guten geht sie zutiefst an“. Ebd., S. 38f. [/quote]

Zwar sei Kirche kein direkter Akteur beim Erbauen einer wie auch immer zu realisierenden gerechten Gesellschaft; das bleibt dem Bereich der Politik, des Staates und der säkularen Vernunft überlassen. Allerdings kann Kirche hier indirekt wirken, indem sie sich im Gespräch mit der säkulaen Ratio zu Wort meldet. Der entscheidende Satz ist:

[quote] Da es aber zugleich eine grundlegende menschliche Aufgabe ist, hat die Kirche die Pflicht, auf ihre Weise durch die Reinigung der Vernunft und durch ethische Bildung ihren Beitrag zu leisten, damit die Ansprüche der Gerechtigkeit einsichtig und politisch durchsetzbar werden. (Ebd.)[/quote]

Unter dem Begriff der Bildung klingt hier auch schon an, dass die indirekte Beteiligung an der Gesellschaftsbildung vor allem über die im katholischen Sinn geprägten Laien, um diejenigen Menschenmassen, die auf die Kirche blicken mit dem Wunsch nach moralischer Führung, und die dann ihrerseits als Multiplikatoren für deren Vorstellungen in der Diskussion um säkulare Entscheidungen dienen sollen. Damit bewegt sich Ratzinger sehr nah an der habermasschen Aufforderung die religiösen Quellen von Gesellschaftsgestaltung und Solidarität sprudeln zu lassen. Noch konkreter wird diese Berufung der Laien zum Aufbau einer guten Gesellschaft im Abschnitt 22, zwei Seiten weiter, eine Stelle, die zentral werden wird für die weitere Argumentation dieser Arbeit:

[quote] Die unmittelbare Aufgabe, für eine gerechte Ordnung in der Gesellschaft zu wirken, kommt dagegen eigens den gläubigen Laien zu. Als Staatsbürger sind sie berufen, persönlich am öffentlichen Leben teilzunehmen. Sie können daher nicht darauf verzichten, sich einzuschalten ,,in die vielfältigen und verschiedenen Initiativen auf wirtschaftlicher, sozialer, gesetzgebender, verwaltungsmäßiger und kultureller Ebene, die der organischen und institutionellen Förderung des Gemeinwohls dienen“. Aufgabe der gläubigen Laien ist es also, das gesellschaftliche Leben in rechter Weise zu gestalten, indem sie dessen legitime Eigenständigkeit respektieren und mit den anderen Bürgern gemäß ihren jeweiligen Kompetenzen und in eigener Verantwortung zusammenarbeiten. (Ebd., S. 39.) [/quote]

Sicherlich ist diese Betonung der Laien zum Dienst an der Gesellschaft nicht neu; die Pastoralkonstitution GAUDIUM ET SPES sieht eine solche bereits vor, allerdings bezieht sich der Papst hier nicht explizit darauf. Auf jeden Fall können diese Passagen inhaltlich wie formal als direkte Antwort, als Annahme, der Habermasschen Ausführungen in Bayern im Jahr davor fungieren. Nimmt man die Rekurse auf das Naturrecht aus, so scheint jedenfalls von katholischer Seite Einmütigkeit darüber zu bestehen, wie Katholiken als Gesellschaftsstützen agieren können: motiviert vom Christlichen Auftrag, der katholischen Soziallehre und mit anderen katholischen Inhalten gewappnet, als Teilnehmer am Aufbau einer gerechteren, solidarischen Gesellschaft.

Kritik

Im folgenden Kapitel möchte ich die ursprüngliche Debatte noch einmal auf den Prüfstein stellen, mit Blick auf die angebliche Übereinstimmung der Gesprächspartner. Danach folgen zwei Kommentare über das mit dem Eingehen auf das jeweilige Gegenüber verbundene strategische Vorhaben bei Ratzinger und Habermas. Zuletzt beleuchten wir noch einen überschatteten Aspekt beider Demokratieideale.

Wenn man zunächst bei den ursprünglichen zwei Vorträgen und dem Debattenabend bleibt, so fällt eine starke Inkongruenuz auf: Alle Beobachter des Abends zeigen sich erstaunt, ja erfreut über die inhaltlichen Übereinstimmungen der beiden eigentlich als Kontrahenden geladenen Sprecher; zum anderen sind deren Beiträge von sehr unterschiedlichem formalen und inhaltlichen Aufbau. Ein Zusammenhang, in dem letzteres Ersteres begründet, ist leicht gefunden. Habermas bringt zwei sehr konkrete Anliegen in die Diskussion ein: quasi als Vertreter eine rational-säkularen Gesellschaftsordnung bittet er bei den Quellwächtern religiös motivierter Moral um Amtshilfe beim Zusammenhalten der modernen Gesellschaft mit aktiver Solidarität. Gleichzeitig benennt er aber als Vorbedingung einen innerreligiösen Reformprozeß, der westliche Grundwerte in deren sanctum sanctorum aufgenommen sähe. Ratzinger hingegen lässt sich zunächst weniger klar einordnen – schon weil Auftakt sowie letztes Drittel seines Vortrages, explizit und implizit vor allem gegen Hand Küng und sein Projekt Weltethos gerichtet zu sein scheint. Der Rest wird durch ein teils vorsichtiges, teils müde wirkendes, Verbergen der eigenen Position hinter unbeantwortet in den Raum gestellten, rethorischen Fragen schwerer interpretierbar. Es bleibt ein langer Rekurs auf das Naturrecht, dessen Validität teils eingeschränkt, und dann dieses wieder revidiert wird. Nicht zu unrecht wieß Professor Baptist Metz auf den unterschiedlichen Wahrheitsbegriff der beiden Gesprächspartner hin; und auf das besinnt sich auch Habermas in seinen nächsten Vorträgen wieder mehr, wie oben zu sehen war. Wenn sich auch die Zweige überschneiden, so trinken die Wurzeln aus unterschiedlichen Schichten. Es geht dabei ein wenig unter, dass Ratzinger darüber hinaus auch noch die zwei Domänen seines Gegenübers durchaus diskreditiert. Dies geschieht durch die inhaltliche Verkürzung des Demokratie- und des Wissenschaftsbegriffs. Letzteren reduziert er auf einen amoralischen Scientismus, den man genauso gut dem Kapitalismus wie der Moderne zur Last legen könnte. Auch die Demokratie wird verkürzt zur Diktatur der Mehrheit und lapidar zu den Akten gelegt. Dabei bleibt, wie auch bei Wissenschaft, Naturrecht, Menschenrechten und terrorgebährender Religiösität, unklar, inwieweit für Ratzinger der einzelne negative Aspekt die ganze Sache disqualifiziert. Die Vermutung drängt sich auf, dass diese Art der Verpackung den Teilnehmer zuviel Offenheit und Übereinstimmung suggeriert, das Trennende relativiert, und die Querschüsse hat überhören lassen.

Vor den einzelnen Beiträgen, möchte ich mich noch dem Kritikbegriff selber zuwenden. Dieser hätte zumindest im Anschluss an die Debatte von Habermas und Ratzinger noch einmal klärend umrissen werden müssen, um eine bessere Einschätzung zu ermöglichen, wie sie sich das konkrete Engagement der Christen vorstellen. Die Sollbruchstelle ist hierbei die In- oder Exklusion der Institutionenkritik. Sie kommt zwar später in DEUS CARITAS EST vor, in der der Papst die Kirche explizit von einer direkten Mitverantwortung an der Errichtung gerechter Verhältnisse ausnimmt. Allerdings wird diese Last dann doch wieder an die Laien weitergegeben, die wohl für sich interpretieren sollen, wie sie ihren christlichen Auftrag auslegen. Damit ist er, auch eben in der Auseinandersetzung mit dem Marxismus, noch wenigstens in soweit durchaus reformmutig, dass er überhaupt als Ziel die gerechte Gesellschaft an sich postuliert – und damit auch die Frage nach der Gesellschaftsform über die Fixierung auf die real existierenden Demokratien hinaus zumindest anspricht. Habermas hingegen schließt zu Beginn Institutionenkritik zunächst aus, wenn er von der ausreichenden Legitimation existierender Demokratischer Strukturen aus sich selbst heraus spricht. Dem folgend muss man Habermas vorwerfen, dass er die Rolle von Kritik, auch von Insitutionenkritik, bei wie auch immer gearteten und von ihm jedoch ausdrücklich gewünschten Veränderungen zum Besseren unterschätzt. Letztlich bleibt aber bei beiden unklar, wie sie sich die ideale Mischung aus zahmen Lamm und feurigen Paulus im politischen Christen vorstellen; und Kritik als demokratische Tugend bleibt tendenziell unterbewertet.

Blickt man nun auf die weitere Tragweite der Diskussion, und die Konsequenzen der Standpunkte, die die beiden Gesprächspartner vorgestellt haben, so fällt auf, dass beide jeweils eine entscheidende strukturelle Schwäche in ihrer Argumentation aufweisen, die sich gegenseitig komplementieren. Liest man zum Beispiel den Beitrag von Habermas nicht nur als Bestätigung des status quo, mit den geläufigen kirchlichen und von Laien vorgetragenen Einwürfen zu einzelnen moralischen Fragen, sondern nimmt die Aufforderung ernst, die stark in seiner Sprache mitschwingt, auch die Strukturen des Gemeinwesens selbst mit zu diskutieren und zu gestalten, dann drängt sich die Frage auf, ob dafür tatsächlich genug Potential im religiösen Umfeld zu finden ist. Wenn Beteiligung nicht nur Affirmation bedeutet, sondern auch kritische Erneuerung, dann scheint Habermas die Fähigkeit der als Kirche organisierten Menschen zu überschätzen. Er baut auf ein System, dass es selbst an Selbstreinigungskraft, Beteiligungskultur und Strukturreformwillen missen lässt. Kurz gesagt, Habermas versucht mögliche strukturelle Krisenmomente westlicher Demokratien mit einer Anleihe an vordemokratische Strukturen kompensieren. Auch wenn die Wiese auf dem unbekannten Ufer des trennenden Flusses zunächst immer grüner als die eigene zu sein scheint, ist ein Ausflug dorthin langfristig zum Scheitern verurteilt. Wie wir im vorigen Kapitel gesehen haben, hat auch Habermas selbst dies scheinbar relativ zügig eingesehen.

Ratzinger hingegen hatte sich, wie gesehen, zunächst bedeckt gehalten, bzw. alte Differenzen abgeschwächt re-iteriert; hat sich aber später Habermassche Vorschläge und Rethorik zum Teil zu eigen gemacht. Kirchenpolitisch geschickt, behält er den katholischen Anspruch auf die Gesinnungshoheit über das einzelne Individuum bei, während er gleichzeitig dessen, in Vatikanum II und vorher festgeschriebenen, Sendung zum politische Tun stärkt, einen wie auch immer gearteten konkreten Reformprozess zu einer gerechteren Gesellschaft aber der existierenden Staatlichkeit überlässt. Dieses Konstrukt produziert allerdings eine Inkonsistenz, die sich zu dem benannten Überanspruch bei Habermas spiegelbildlich verhält. Ratzinger scheint sich nicht im Klaren zu sein, oder nimmt billigend in Kauf, dass sein Bild vom katholischen Laien dessen Gewissen in die religiös-säkulare Schizophrenie treibt. Ein in der demokratischen Welt stehender Mensch, an die Mindeststandards des ihn formenden politischen Systems gewöhnt, kann nicht umhin kommen, eben diese auch auf das ihn bindende religiös orientierte Autoritätsgewölbe anzuwenden. Egal wo der Identitätsschwerpunkt von demokratischen Christen im Alltag liegt, müssen sie sich zwangsläufig in beide Richtungen wenden, um die Unzulänglichkeiten in beiden Gesellschaftlichkeiten anzusprechen. Das zieht logischerweise den Einzug von demokratischen Strukturen in die Kirche nach sich – getragen von demokratisch gebildeten Laien und Klerikern. Eine Transport von katholischen Wahrheiten in gesellschaftliche Diskussionen kann nur im Einklang mit der reziproken Übertragung von säkularen Wahrheiten, zum Beispiel vom nicht-hirarchischen Zustandekommen sozialer Konsensi, in die andere Richtung zustande kommen. Diese logische Notwendigkeit wird, meines Erachtens, in DEUS CARITAS EST stark unterschätzt, auch wenn der Hinweis auf die unerlässliche Einarbeitung säkularer Standards in den christlich-dogmatischen Kern von Habermas ausdrücklich eingefordert wurde.

Solange eine solche Inkorporation und gegenseitige Befruchtung sich nicht konkretisiert, ist auch die Übernahme von Habermasschen Gedanken in päpstlichen Enzykliken kein echtes Zeichen der Annäherung. Ebenso machen auch die beiderseitigen Aufrufe zum christlichen Wirken in die Welt wenig Sinn. Vor dem Hintergrund des unbestellten Hauses der Kirche im Sinne der Habermasschen Mindestanforderung, kann sich für ihn in der Kirche auch keine neue Quelle für ein soziales politisches Gemeinwesen auftun; ebenso wenig kann sich für sie selbst der wiederholte und brennende Wunsch nach einer christlichen Re-Evangelisierung des säkular-demonkratischen Europas erfüllen3.

1 Alle Ausführungen dieses Teils der Arbeit beziehen sich auf die beiden Vorträge in Habermas, J. u. Ratzinger, J. „Vorpolitische moralische Grundlagen eines freiheitlichen Staates“. In: „Zur Debatte – Themen der Katholischen Akademie in Bayern“, Florian Schuller [Hrsg.]. Jg. 34, Bd 1. – 2004 (keine Seitenangaben vorhanden). Alle Zitate, soweit nicht ander gekennzeichnet, finden sich dort verbatim.

2 Als Antwort auf eine Frage von Prof. Spaemann. FAZ vom 21.1.2004, „Strukturwandel der Heiligkeit. Dogma gegen Diskurs“

3 Vgl. dazu: Die Deutschen Bischöfe. „Zeit der Aussaat – Missionarisch Kirche sein“. Die Deutschen Bischöfe, Bd. 68, hrsg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn (2000).

 

 

 

Literatur

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Die Deutschen Bischöfe. „Zeit der Aussaat – Missionarisch Kirche sein“. Die Deutschen Bischöfe, Bd. 68, hrsg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn (2000).

Engel, U. Konsens und Wahrheit – Reflecionen im Anschluß an Jürgen Habermas: Der Dominikanerorden als praktisch verfaßte Kommunikationsgemeinschaft. In: Wahrheit, Th. Eggensperger u. U. Engel [Hrsg.]. Mainz: Matthias Grünewald Verlag (1995).

Flores d'Arcais, P. Die Demokratie beim Wort nehmen – Der Souverän und der Dissident. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach (2004).

Gabriel, K. Religionen im öffentlichen Raum: Perspektiven für Europa. Jahrbuch für christliche Sozialwissenschaften, Bd. 44. Münster: Regensberg (2003).

Greschat, M. u. Jochen Kaiser [Hrsg.]. Christentum und Demokratie im 20. Jahrhundert. Konfession und Gesellschaft – Beiträge zur Zeitgeschichte, Anselm Doering Manteuffel u.a. [Hrsg.], Bd. 4. Stuttgart Berlin Köln: Verlag W. Kohlhammer (1992).

Hoye, W. J. Demokratie und Christentum – Die christliche Verantwortung für demokratische Prinzipien. Münster: Aschendorff Verlag (1999).

Habermas, J. u. Ratzinger J. „Vorpolitische moralische Grundlagen eines freiheitlichen Staates“. In: „Zur Debatte – Themen der Katholischen Akademie in Bayern“, Florian Schuller [Hrsg.]. Jg. 34, Bd 1. – 2004.

Lindgens, G. Freiheit, Demokratie und pluralistische Gesellschaft in der Sicht der katholischen Kirche – Dokumente aus Verlautbarungen der Päpste und des zweiten Vatikanischen Konzils. Geschichte und Theorie der Politik – Abhandlungen aus dem Institut für Grundlagen der Politik des Fachbereichs Politische Wissenschaften der Freien Universität Berlin [Gerhard Göhler, Hrsg.]. Stuttgart: Klett-Cotta (1985).

Manemann, J. [Hrsg.] Demokratiefähigkeit. Jahrbuch Politische Theologie, Bd. 1. Münster: Lit Verlag (1995).

Marré, H. u.a. Die Staat-Kirche-Ordnung im Blick auf die Europäische Union. Essener Gespräche zum Thema Staat und Kirche, Bd. 31. Münster: Aschendorff Verlag (1997).

Neubert, R. Demokratie im Volk Gottes? Untersuchungen zur Apostelgeschichte. SBB 46. Stuttgart: Katholisches Bibelwerk (2001).

Institut für Demoskopie Allensbach. Trendmonitor „Religiöse Kommunikation 2003“ – Bericht über eine repräsentative Umfrage unter Katholiken zur medialen und personalen Kommunikation (Kommentarband). München (2003).

Rahner, K. u. H. Vorgrimler. Kleines Konzilskompendium – Sämtliche Texte des Zweiten Vatikanums. Freiburg: Herderbücherei (1966 Erste Ausgabe).

Ratzinger, J. "Die Seele Europas". Süddeutsche Zeitung, 13. April 2005.

Ratzinger, J. u. H. Maier. Demokratie in der Kirche – Möglichkeiten, Grenzen, Gefahren. Limburg: Lahn Verlag (1970).

Ratzinger, J. u. H. Maier. Demokratie in der Kirche – Möglichkeiten und Grenzen. Limburg: Lahn Verlag (2000).

Stecker, B. Die Kirche in der Demokratie – Zur Diskussion um die Begründung einer politisch­ethischen Kompetenz der Kirche. Osnabrück: Universitätsverlag Rasch (2000).

Vorgrimler, H. Neues theologisches Wörterbuch. Freiburg: Herder (2000).

Wendel, S. „Vernünftig und begründungsfähig – Aktuelle Beiträge zum Thema Religion“. In: Herder Korrespondenz 57 (2003), 528-532.

Berliner Videoblog: Die Geschichte mit dem Haartrockner

Yiannis hatte in seinem Leben niemals einen „persönlichen“ Haartrockner. Doch als er nach Berlin kam, besorgte ihm seine Mutter einen deutschen Haartrockner, den es mit „Couponen“ vom Supermarkt gab. Dieser Haartrockner ging leider sehr schnell kaputt. Doch Yiannis bekam schon bald einen neuen Haartrockner. Wie lange dieser funktioniert, welche Rolle Matt, Norma und Valeria dabei spielen und wie der glückliche Ausgang der Geschichte in der Schweiz ist, erfahren wir in diesem Videoblog.

Direkter Link
Google Video http://video.google.com/videoplay?docid=3946588222239676246 YouTube http://www.youtube.com/watch?v=Ss3gk7NJ45o

Die Omnipräsenz der Demütigung in der heutigen Gesellschaft und die Politik der Würde

Der Begriff der Demütigung ist der Bedeutungsgruppe Unlust empfinden zuzuordnen und steht auf gleicher Stufe mit Bedrohung, Elend, Kränkung und Leid (vgl. Franz Dornseiff, Der deutsche Wortschatz, 2004). Auch die Synonyme für Demütigung, wie z.B. Entwürdigung, Herabsetzung, Missachtung oder Verachtung, sind ähnlich negativ in ihrer Bedeutung, so dass es für einen Außenstehenden schwer verständlich erscheinen mag, dass Demütigung auch freiwillig beinhalten kann, wie bei bestimmten religiösen Praktiken. Und sie kann sogar „einvernehmlich statt finden“, zum Beispiel bei sadomasochistisch-interessierten Menschen, die aus Demütigungen einen Lustgewinn ziehen. Doch im Prinzip ist Demütigung die erzwungene Erniedrigung eines Menschen oder einer Gruppe, ein Prozess der Unterwerfung, der den Stolz, die Ehre, und Würde der Opfer verletzt oder vollständig raubt. Gedemütigt zu werden bedeutet, oft in extrem schmerzhafter Weise, in eine Situation gebracht zu werden, die sehr viel „tiefer” angesiedelt ist als es das Opfer erwartet. Der Akt der Demütigung enthält erniedrigendes Verhalten anderen gegenüber, Verhalten welches etablierte Grenzen und Erwartungen überschreitet. Demütigung kann Zwang und Gewalt beinhalten. Im Zentrum steht die Idee des nach unten Drückens und unten Haltens.

Der Begriff der Demütigung als solcher stellt keinen akademischen Terminus dar. In Lexika und Wörterbüchern wird die Demütigung als: Verletzung von jemanden in seiner Würde und Ehre (Wahring Deutsches Wörterbuch 1980); Verletzung von jmds. Selbstgefühl oder Stolz (Knaurs Grosses Wörterbuch der deutschen Sprache, Der Grosse Störing, München 1985); tiefe, beschämende Kränkung (Brockhaus Wahrig Deutsches Wörterbuch, Band 2, Stuttgart 1981), Herabwürdigung (Meyers Grosses Universal Lexikon, Band 16, Mannheim 1986) oder als Erniedrigung, Nichtachtung (Duden, Sinn- und Sachverwandte Wörter, Synonymwörterbuch der deutschen Sprache, Hrsg. Wolfgang Müller, Mannheim, Leiozig, Wien, Zürich 1997) beschrieben.

 

[quote] Demütigung (von Demut) ist die absichtlich beschämende oder verächtliche Behandlung eines wehrlosen Anderen vor den Augen Dritter oder vor seinen eigenen Augen. (vgl. Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Demütigung, Version 21:04, 18. Apr 2006) [/quote]

Die Demütigung scheint in der heutigen Gesellschaft omnipräsent zu sein und weist eine Menge von unterschiedlichen Erscheinungsformen auf. Man kann von einer psychischen, körperlichen, emotionalen, sexuellen oder beruflichen Demütigung sprechen, aber auch von einer politischen oder nationalen Demütigung. Der Begriff der Demütigung kann daher auf einer persönlicher Ebene (Mikroebene) als auch auf einer kollektiven Ebene (Makroebene) betrachtet werden. In beiden Fällen hat er mit dem Begriff von Würde, Ehre und Stolz zu tun. Da diese Werte unterschiedlich bei den Individuen herausgeprägt sind, wird die Demütigung auch im unterschiedlichen Grade empfunden. Sie hängt von der Sensibilität eines Menschen, hat daher einen subjektiven Charakter.

Forschung über Demütigung

Demütigung ist ein Akt, ein emotionaler Zustand, und ein sozialer Mechanismus, der relevant für Anthropologie, Soziologie, Philosophie, Sozialpsychologie, klinische Psychologie, und politische Wissenschaften ist. Diese Multidisziplinarität ist möglicherweise der Grund, warum die Dynamik der Demütigung noch kaum erforscht wurde, zumindest “in eigener Sache” und als von anderen Begriffendifferenzierter Terminus. Demütigung wird vor allem in psychologischen oder soziopsychologischen Kontext untersucht. In dem ersten Fall wird sie häufig als Synonym von Scham behandelt, ein gefühlsmäßiger Zustand, der Erfahrung und Gefühl beinhaltet. Interessanter für unsere Diskussion ist aber der soziopsychologische Kontext, wo Demütigung als ein sozialer Prozess (der die Legitimität von Unterwerfung und Machtasymmetrien betrifft), ein Prozess, der sich zwischen einem “Demütiger” und einem “Gedemütigten” abspielt (und sich damit in einer Beziehung abspielt, die zwischen Individuen oder Gruppen stattfindet) gefasst wird. Was als Demütigung wahrgenommen wird und wie darauf reagiert wird, variiert in verschiedenen Kulturen. Allgemein wird aber Demütigung als Antonym für Respekt im Rahmen von Menschenrechten, also als Verletzung von Menschenrechten verstanden. Sie wird auch häufig als Wurzel der Gewalt genannt. Es besteht sogar eine sozialpsychologische Hypothese, dass Demütigung zum Krieg führen kann (vgl. Lindner, Evelin Gerda (2005). Die Psychologie Der Demütigung. In Punktum, Fach- und Verbandszeitschrift des Schweizerischen Berufsverbandes für Angewandte Psychologie, März). Die Frage, die sich im Hinblick auf zukünftige Forschung über Demütigung aufdrängt, ist ob tatsächlich Demütigung ein Prozess ist, der auf die Verletzung von Ehre beschränkt ist. Die oben gestellte Frage konnte also erweitert werden auf die Fragestellung, ob sich Demütigung in gesellschaftlichen Kontexten von Ehre ähnlich darstellt wie in Kontexten, die von Menschenrechten definiert werden, oder ob Demütigung in diesen beiden gesellschaftlichen Strukturen unterschiedlich ausgetragen wird, – und ob Ehre und Menschenrechte die einzigen relevanten Parameter sind.)

Politik der Würde

Eine der Studien, wo Demütigung näher beschrieben wird, ist die Arbeit eines israelischen Autoren, Avishai Margalit Politik der Würde (eng.: The Decent Society). Dieses Buch wirft Licht darauf, dass Demütigung nicht nur ein Akt oder eine Emotion, relevant für das Zusammenspiel zwischen Individuen ist, sondern dass sie institutionalisiert sein kann. Margalit spricht von einer anständigen Gesellschaft, in der keine Demütigung präsent ist. Anstand meint, dass alle Menschen mit Respekt behandelt werden sollen. Kein Mensch ist durch soziale Marginalisierung oder das Verbot, seine Besonderheit zu leben, zu demütigen. Die Institutionen einer anständigen Gesellschaft demütigen nicht. Die Zugehörigkeit zur menschlichen Gattung selbst ist die Grundlage der Haltung der Nicht-Demütigung, der Achtung oder Selbstachtung. Menschen verdienen qua ihr Menschsein Respekt. Würde ist nach Margalit der Ausdruck, das äußere Bild oder Verkörperung von Selbstachtung (S.72-74). Unter Demütigung versteht Margalit alle Verhaltensformen und Verhältnisse, die einer Person einen guten Grund geben sich in ihrer Selbstachtung verletzt zu sehen (Margalit: 23, 25). Dabei sind natürliche menschliche Daseinsbedingungen wie Alter oder Gebrechlichkeit ausgeschlossen. Die Natur demütigt nicht, nur die Menschen und von ihnen getragenen Institutionen. Und nur die Menschen können gedemütigt werden; die Tiere kann man grausam behandeln aber nicht demütigen.

Ein der Hauptgründe, sich in seiner Selbstachtung verletzt zu sehen ist der Ausschluss aus der menschlichen Gemeinschaft. Dazu gehört beispielsweise die Behandlung der Menschen als wären sie Tiere, Maschinen, Objekte oder Nummer (ein Paradebeispiel für alle diese Behandlungsarten sind die KZ-Lager während des zweiten Weltkriegs). Die Ausschliessung aus der menschlichen Gemeinschaft impliziert, nach Margalit, eine intentionale Freiheitsbegrenzung (von der Seite des Täters) und dadurch verursachten Verlust an Kontrollfähigkeit (für das Opfer). Margalit macht in seinem Buch eine Unterscheidung zwischen dem Begriff der Demütigung und dem der Kränkung. Während Kränkung die Vorenthaltung gebührender sozialer Ehre oder sozialer Wertschätzung meint, das Selbstwertgefühl eines Menschen angreift, dessen externer Ausdruck der Stolz ist, bedeutet die Demütigung die Verletzung der fundamentalen Ehre, die jedem im gleichen Masse gewährt werden muss, die nicht graduierbar und nicht leistungsabhängig ist (S.62-63). Demütigung, Margalits Ansicht nach, sei viel schlimmer als die Kränkung, da sie Verletzungen der grundlegenden Bedürfnissen des Menschen impliziert. Zu diesen Verletzungen gehören:

– Verletzung grundlegender Autonomie oder Kontrollfähigkeit (Verletzung der Privatsphäre durch z. B. Bespitzelung in totalitären Staaten, bestimmte Haftbedingungen, Intoleranz)

– Verletzung des Bedürfnisses nach Individualität, Besonderung oder Differenz (Vorenthaltung der Zugehörigkeit zu identitätsstiftenden Gruppen, wie religiöse, ethnische, nationale, soziale oder sexuelle Gruppen – z. B. Behandlung der Juden von den Nazis)

– Verletzung des Bedürfnisses nach gesellschaftlicher Zugehörigkeit oder Staatsbürgerschaft (Klassifizierung von gewissen gesellschaftlichen Gruppen zu den Bürgern der zweiten Kategorie, Vorenthaltung der politischen und legalen Rechte z.B. des Wahlrechtes, als auch der sozialen und symbolischen Rechte wie z.B. Haftstrafen, Arbeitslosigkeit, Ausschließung aus bestimmten religiösen Ritualen)

– Verletzung des Bedürfnisses nach Intimität oder Freundschaft

– Verletzung des Bedürfnisses nach sinnvollen Tätigsein (Margalit geht so weit zu behaupten, dass die ökonomische Unnützlichkeit zur Hauptquelle der Demütigung in westlichen Gesellschaften werden kann)

– Verletzung des Bedürfnisses nach Nahrung, Obdach, Kleidung, Körperhygiene zum Beispiel in nicht selbst gewählter Armut (z.B. Behandlung der Gefangenen in KZ-Lagern)

– Verletzung des Bedürfnisses nach medizinischer Hilfe bei Krankheit

– Verletzung körperlicher Integrität durch Folter oder unmenschliche Arbeitsbedingungen (z. B. Behandlung der Gefangenen in KZ-Lagern)

Die Demütigung ist häufig ein Resultat der Überzeugung des Täters, dass seine „Opfer“ keine Menschen sind (das Phänomen der Entmenschlichung oder Verdinglichung – Axel Honneth). Dieses Denken ist für viele Kriegsverbrecher typisch z.B. Nazis gegenüber den Juden oder Serben gegenüber den Muslimen.

Demütigung in (Kultur-)Konflikten

Kann Demütigung zu Krieg, Holocaust, Völkermord und Terrorismus führen? Die von Margalit aufgelisteten Verletzungen spielen eine wichtige Rolle in der Diskussion über die Bedeutung von Demütigung für die Konflikte. Erfahrungen von Demütigung und Erniedrigung können traumatisch wirken und zu starken emotionalen Reaktionen führen. Soziale Beziehungen können so sehr geschädigt werden, dass Versöhnung fast unmöglich wird, und Unterschiede zwischen Parteien, die vorher wenig oder nicht vorhanden waren, können so verstärkt oder konstruiert werden, dass ein Brückenschlag fast unmöglich erscheint. In den meisten Kulturen stellen Gefühle der Demütigung einen zentralen Aspekt gewalttätiger Konflikte dar und behindern Konfliktlösungen. Unabhängig vom kulturellen Hintergrund reagieren die Menschen auf erlittene Demütigung mit Depression, oder auch mit Wut und Aggressivität. Gefühle von Demütigung können zu gewalttätigem Protest und zu Kreisläufen von Demütigung und Rache-für-Demütigung führen, wie zum Beispiel im dem Konflikt Hutu-Tutsi, Israelis-Palästinenser, Singalesen-Tamilen oder Irak-USA. Eine Sequenz von Demütigung und Rache-für-Demütigung ist verstärkt zu erwarten in Zeiten der Veränderung, wenn Untertanen (Sklaven, Unterdrückte, Unfreie, Unterprivilegierte, Geknebelte, Rechtlose) beginnen, mehr Respekt von ihren Eliten zu erwarten, und sich gedemütigt fühlen durch den Mangel eben dieses Respekts. Sie mögen dann versucht sein, – wenn sie Zugang zu den nötigen Ressourcen bekommen, – sich brutal an ihren früheren Herren zu rächen, die in den meisten Fällen überrascht sind, da sie eine solche Dynamik nicht erwartet hatten. Revolutionen und Aufstände bringen oft keinen Frieden, sondern mehr Gewalt. In solchen Fällen kann es passieren, dass die unterdrückenden sozialen Strukturen, die demütigend wirken, nicht verbessert werden, sondern, im Gegenteil, sich nur noch verschlimmern in einem Kontext von Krieg und Gewalt (z.B. Völkermord an Tutsi-Eliten). Die politisch relevante Empfehlung an Eliten ist deshalb, sich des Grades von Bewunderung und Hoffnung auf Respekt von Seiten der Nicht-Eliten bewusst zu werden. Und wiederum um demütigende soziale Bedingungen zu verändern, die von Machtasymmetrien aufrechterhalten werden, die Menschenrechte verletzten, muss der Untertan/Unterdrückte „aufstehen” und Autonomie ausüben (wie z.B. Nelson Mandela).